Verhaltensanpassung - ein Hinweis auf eingeschränktes Sehvermögen?

Close up image of a woman’s eye and part of her face

Eine Sehverschlechterung, die sich durch eine Brille oder Kontaktlinsen nicht beheben lässt, sollte nicht pauschal als unausweichliche Begleiterscheinung des Alters abgetan werden. Es geht schliesslich um mehr als den Verlust der Fähigkeit, ein paar Buchstaben auf einer Sehprobentafel zu lesen. Die Sehschwäche kann z.B. unsere Fähigkeit, im Dunkeln zu sehen, und unsere Lesefähigkeit beeinträchtigen.

Oft werden Sehbehinderungen von den Betroffenen selbst nicht einmal bemerkt, weil sie lernen, damit umzugehen, indem sie sich anpassen, besonders wenn nur ein Auge betroffen ist. Deshalb können auffällige Verhaltensänderungen bei Familienangehörigen, Freunden und Kollegen auch auf ein eingeschränktes Sehvermögen hinweisen.

Eine der häufigsten Ursachen einer Sehverschlechterung sind chronische Augenerkrankungen, vor allem bei älteren Menschen. Krankheiten wie altersbedingte Makuladegeneration (AMD) einschliesslich der geografischen Atrophie (GA) – eine fortgeschrittene Form von AMD – und diabetische Retinopathie führen unbehandelt zu einer zunehmenden Einschränkung des Sehvermögens.

Patienten mit solchen Erkrankungen haben oft Probleme beim:

  • Lesen von Büchern, Anzeigen und Etiketten
  • Abschätzen von Entfernungen und Erkennen von Hinweisschildern
  • Autofahren, besonders bei schlechten Lichtverhältnissen
  • Farbensehen
  • Erkennen der Gesichter von Freunden und Verwandten
  • Ausführen von Tätigkeiten, die genaues Sehen erfordern, wie z.B. Kochen oder Nähen

Deshalb entwickeln Sehbehinderte oft Bewältigungsstrategien, indem sie sich unter anderem durch folgende Verhaltensweisen an ihre Einschränkung anpassen:

  • Sie kneifen die Augen zusammen, neigen oder drehen den Kopf beim Betrachten von Gegenständen
  • Sie halten Bücher und anderen Lesestoff näher an die Augen
  • Sie bewegen sich besonders vorsichtig und zögerlich in der Wohnung
  • Sie reduzieren ihre sozialen Aktivitäten und verlassen ungern die vertraute häusliche Umgebung

Eine der schlimmsten Folgen der fortschreitenden Sehverschlechterung ist schliesslich der Verlust der Unabhängigkeit. Infolge der zunehmenden Einschränkung des Sehvermögens sind die Betroffenen nicht mehr in der Lage, allein zu kochen, zu putzen oder zu Hause umherzugehen, ohne dass sie Gefahr laufen, zu stürzen oder sich zu verletzen. Die Sehverschlechterung kann zudem zu psychischen Problemen führen. Die Betroffenen entwickeln nicht selten Ängste aufgrund ihrer Sehbehinderung oder einer drohenden Erblindung, und sie sind frustriert, ärgern sich oder empfinden es als peinlich, dass sie im Alltag nicht mehr alleine zurechtkommen. Aufgrund des Verlustes ihrer Selbstständigkeit und ihrer zunehmenden sozialen Isolation leidet rund ein Drittel der Patienten mit AMD an einer klinischen Depression.

Die geografische Atrophie (GA) ist eine wenig bekannte und oft unterdiagnostizierte Erkrankung, für die es bis heute keine Möglichkeit der Behandlung oder Heilung gibt. Um die Alltagseinschränkungen von Patienten mit GA genauer zu erfassen, wurden Instrumente wie der Functional Reading Independence Index (FRI-Index) entwickelt. Dieser neue Fragebogen zur Selbstbeurteilung soll den Verlust der Unabhängigkeit von GA-Patienten bei Alltagsaktivitäten quantifizieren, bei denen etwas gelesen werden muss, wie zum Beispiel beim Bezahlen von Rechnungen. Der Fragebogen zum FRI-Index wird vom Mapi Research Trust in über 25 Sprachen zur kostenlosen Verwendung für Wissenschaftler zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen finden sich unter proinformation@mapi­trust.org.

Es ist wichtig zu wissen, dass eine Sehverschlechterung – nicht nur bei uns selbst, sondern auch bei anderen – zu Verhaltensänderungen führen kann, da diese nicht immer auf den ersten Blick erkennbar sind. Grundsätzlich sollte bei Verhaltensauffälligkeiten immer ärztlicher Rat eingeholt werden. Ab dem Alter von 60 Jahren werden jährliche Augenuntersuchungen empfohlen. Frühzeitige Vorsorge- und Behandlungsmassnahmen können das Sehvermögen und die Lebensqualität im höheren Alter erhalten.

Tags: Ophthalmology, Geographic Atrophy, AMD