In Erinnerung an Lukas Hoffmann

Ehrenpräsident Fritz Gerber erinnert sich in einem in der Basler Zeitung erschienenen Nachruf an den visionären Naturschützer und Roche-Erben Lukas Hoffmann.

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Lukas Hoffmann, 23. Januar 1923 - 21. Juli 2016

Am 21. Juli 2016 ist Dr. Lukas Hoffmann im Alter von 93 Jahren in seiner geliebten Camargue gestorben. Lukas Hoffmann war der letzte lebende Enkel des Roche Gründers Fritz Hoffmann-La Roche (1868-1920) und seiner Frau Adèle La Roche (1876-1938) und Repräsentant der dritten Generation der Gründerfamilie.

Vor Jahren antwortete Lukas in einem der wenigen Interviews, die er gab, auf die Frage des Journalisten, warum er zwar den WWF weltbekannt gemacht habe, aber als Person immer im Hintergrund geblieben sei: „Es hat mir immer geschienen, dass die Sache wichtig ist und nicht die Personen.“

So war Lukas Hoffmann und genau so habe ich ihn immer erlebt. Ein kluger und feinsinniger, zurückhaltender und bescheidener Mann, der stets „die Sache vor die Person“ stellte und es vorzog, im Stillen etwas zu bewegen. Diese Maxime zieht sich wie ein roter Faden durch sein weitreichendes Lebenswerk. Mit Lukas Hoffmann geht ein Mensch, der sich durch ein aussergewöhnlich hohes Verantwortungsbewusstsein und ein konsequentes Engagement für das, wovon er überzeugt war, auszeichnete.

Lukas Hoffmann wurde am 23. Januar 1923 in Basel geboren. Sein Vater war Emanuel Hoffmann (1896-1932), Sohn des Firmengründers, seine Mutter die Bildhauerin Maja Hoffmann-Stehlin (1896-1989). Seine Schwester war Vera Oeri-Hoffmann (1924-2003), die Frau des Arztes Jakob Oeri-Hoffmann (1920-2008). Nach dem tragischen Verkehrsunfall seines Vaters heiratete seine früh verwitwete Mutter Maja den Musiker Paul Sacher (1906-1999). Mit seinem Stiefvater hat Lukas über all die Jahre eine tiefe Freundschaft verbunden. Lukas Hoffmann war von 1953 bis 2002 mit Gräfin Daria Razumovsky (1925-2002) verheiratet. Er hat vier Kinder: Vera, Maja, André und Daschenka.

Das Elternhaus von Lukas Hoffmann war eine Begegnungsstätte der modernen Kunst, Kultur und Musik, in welcher der junge und feinsinnige Lukas auf bekannte zeitgenössische Gestalten der bildenden Kunst traf. So gründete schon 1933 seine Mutter die Emanuel Hoffmann-Stiftung zur Unterstützung zeitgenössischer Künstler. Lukas selbst hat diese Stiftung später lange Jahre als Stiftungsrat und als stellvertretender Präsident begleitet und unterstützt.

Im vertrauten Gespräch hat mir Lukas gerne erzählt, wie er schon als Kind eine grosse Empfindsamkeit, Liebe und Achtung der Natur gegenüber empfand und Maja, seine Mutter, hat mir oft beschrieben, wie Lukas als kleiner Junge einer verletzten Stockente im Badezimmer des elterlichen Hauses einen Ruheplatz aus Steinen baute und dort ebenfalls eine zahme Rabenkrähe namens „Strauss“, aber auch Molche und Frösche hielt.

Für Lukas war es klar, dass er in Basel Zoologie studieren werde. Stark beeinflusst von seinem Professor Adolf Portmann, den er Zeit seines Lebens bewunderte, arbeitete er wissenschaftlich und promovierte zum Dr. phil. In dieser Zeit entwickelte sich seine klare Mission: die „Erhaltung der evolutiven Vielfalt“. Als Naturschutzpionier und Ornithologe engagierte er sich zeitlebens unnachgiebig für die Feuchtgebiete rund um das Mittelmeer und darüber hinaus. Dies sind wichtige Lebensräume für Vögel und andere Tiere. Mehr als 60 wissenschaftliche Publikationen zeugen auch von seinem wissenschaftlichen Engagement in der Vogelkunde und zum Schutz der Feuchtgebiete als Lebensräume für Vögel und andere Tiere.

1948 erwarb Lukas in der Camargue ein grosses Grundstück (1500 Hektar) unberührter Natur mit 400 Vogelarten, darunter vor allem Flamingos. Schon 1951 begann er unter grossem persönlichen Einsatz und mit eigenen finanziellen Mitteln die heute weltbekannte Forschungsstation „Station biologique de la Tour du Valat“ in der Camargue aufzubauen. Die Leitung der dort entstandenen Station, die er später in eine Stiftung einbrachte, machte sich Lukas Hoffmann zur Lebensaufgabe. Nicht zuletzt wegen seines persönlichen unermüdlichen Einsatzes wurde er über die Grenzen der Forschungsstation hinaus als „Vater der Camargue“ bezeichnet. Um seine Mission des Schutzes der Feuchtgebiete zu erfüllen, setzte sich Lukas Hoffmann ebenso erfolgreich für die Coto de Doñana in Spanien, wie für die „Banc d’Arguin“ in Mauretanien oder den Prespasee im Dreiländereck von Mazedonien, Albanien und Griechenland ein. Er wurde zum grossen, anerkannten Kenner der schutzwürdigen Gebiete im Mittelmeerraum.

Es zählt zu meinen schönsten Erinnerungen, Lukas in seinem „Reich“ zu besuchen und zu erleben, mit welcher Hingabe und Leidenschaft er sein Lebenswerk ausbaute.

Über die Jahre ging das Interesse von Lukas weit über den Mittelmeerraum hinaus.

Er war Gründungsmitglied des WWF und dessen Vizepräsident von 1961 bis 1988. Von 1960 bis 1969 war er Vizepräsident der Weltnaturschutzorganisation IUCN. Im Jahr 1994 richtete er die MAVA-Stiftung für Naturschutz ein, benannt in Anlehnung an die Vornahmen seiner vier Kinder Maja, André, Vera und Daschenka. Die MAVA-Stiftung und der WWF gründeten 2012 gemeinsam das Luc Hoffmann Institute.

Ich habe Lukas Hoffmann immer bewundert für seinen unermüdlichen Einsatz für den Schutz der Natur. Seinen Worten folgten immer die entsprechenden Taten. Sein späteres Wirken war zusätzlich geprägt von vielen Reisen und Verhandlungen mit Autoritäten. Er sagte einmal: “Das Umwelt-Engagement muss durch Konferenzen, die Medien und ein grosses Stück Organisationsarbeit geschehen, die mich der Natur leider selbst immer mehr entfernen“. Auch diese Arbeit nahm Lukas Hoffmann, der nie eine Medienperson sein wollte, auf sich und wurde zum Naturschutz-Lobbyisten und Diplomaten.

Ohne je selbst zur öffentlichen Person zu werden, ist Lukas Hoffmann im weltweiten Naturschutz eine sehr bekannte und geschätzte Persönlichkeit und er erhielt für seine wissenschaftliche Arbeit und sein Engagement Preise und Auszeichnungen zahlreicher Länder und Organisationen, darunter zahlreiche Ehrendoktorwürden, den Euronatur-Umweltpreis (Deutschland), den Kai Curry-Lindhal Award of the Colonial Waterbird Society (USA) und die Duke of Edinburgh Conservation Medal (WWF International). Lukas Hoffmann war zudem Chevalier und Officier de la Légion d'honneur (Frankreich).

Es war für ihn eine grosse Befriedigung, dass seine Kinder immer mehr in seine Lebensaufgabe hineingewachsen und willens sind, sein Lebenswerk fortzusetzen.

Neben seinem grossen Einsatz für den Naturschutz hat sich Lukas Hoffmann in vorbildlicher Weise für Roche eingesetzt. Schon 1953 wurde er zusammen mit seinem Schwager, Jakob Oeri-Hoffmann als einer der Familienvertreter in den Verwaltungsrat der heutigen Roche Holding AG gewählt. Er hat das Unternehmen über mehr als 40 Jahre hin, davon die letzten 6 Jahre bis 1996 als Vizepräsident, von der Expansion in den sechziger und siebziger Jahren bis hin zum Einstieg in die Biotechnologie und die Molekulardiagnostik mit grossem Engagement unterstützt und begleitet. Sein Hauptengagement galt den Bereichen langfristige Forschung, Verantwortung und Nachhaltigkeit.

Als engagierter Naturschützer hat Lukas Hoffmann immer wieder den Blick auf  die gesellschaftliche und ökologische Verantwortung gelenkt. Er war überzeugt, dass Nachhaltigkeit nicht nur im ökologischen Bereich wichtig ist, sondern dass es genauso wesentlich ist, Nachhaltigkeit im Unternehmen zu verankern. Wie sein Grossvater Fritz Hoffmann war Lukas Hoffmann ein visionärer Vordenker. Bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert erkannte er einerseits die Dringlichkeit des Naturschutzes und lange vor der Gotland-Kommission auch die Rolle und Verantwortung von Unternehmen gegenüber der Umwelt.

Ein besonderes  Anliegen, das Lukas Hoffmann im Verwaltungsrat stets und nachhaltig vertreten hat, war die Aufrechterhaltung der Qualität der Forschung. Er sah darin die grundsätzliche Voraussetzung für die Entwicklung von Roche als forschungsorientiertem Unternehmen.

Nach seinem Austreten aus dem Verwaltungsrat 1996 blieb Lukas Hoffmann dem Unternehmen Zeit seines Lebens eng verbunden. Mit seiner Anwesenheit bei Aktionärstreffen und zahlreichen Roche-Veranstaltungen hat er seine hohe Wertschätzung für das Unternehmen bis kurz vor seinem Tode ausgedrückt. Sein Sohn André als Vizepräsident und sein Neffe Andreas Oeri als Mitglied des Roche Verwaltungsrats setzen die Tradition fort, dass die Gründerfamilien im Verwaltungsrat massgeblich vertreten sind.

Lukas Hoffmann ist in all diesen Jahren mein Freund geworden. Er hat mich angeregt, eigene Denk- und Handlungsmuster zu überprüfen und auch neue Wege zu gehen. Er war für mich und für viele Menschen eine inspirierende Persönlichkeit. Hinter der stets bescheidenen und ruhigen Art steht ein Mensch, der sich durch ein aussergewöhnlich hohes Verantwortungsbewusstsein gegenüber immateriellen Werten und ein konsequentes Engagement für diese Werte auszeichnet. Dass ihm dabei immer wieder der Brückenschlag zwischen scheinbar gegensätzlichen Welten gelungen ist, ist zweifellos seiner tiefen, glaubwürdigen Überzeugung, seiner durchaus hartnäckigen Konstanz und der Fähigkeit, die Sache vor persönliche Interessen zu stellen, zu verdanken.

Für mich persönlich, hergekommen aus einer anderen Welt, war der persönliche Kontakt mit Lukas besonders wertvoll. Unermüdlich hat er sich über den Fortschritt der Forschung von Roche erkundigt. Er war selber risikofreudig und hat auch komplexe Entscheidungen des Verwaltungsrates mitgetragen.

Ich gedenke seiner mit Respekt und Dankbarkeit.

Fritz Gerber

Tags: Gesellschaft, Menschen