Forschungsprogramm markiert Meilenstein für Tests in künftigen klinischen Studien zu Autismus-Spektrum-Störungen

Die Autismus-Spektrum-Störung (ASD) gehört zu den häufigsten neurologischen Entwicklungsstörungen. Rund eines von 68 Kindern ist davon betroffen.1 Die ASD tritt bei Menschen aller Rassen, Ethnien und sozioökonomischer Gruppen auf und ist bei Jungen fast fünfmal häufiger als bei Mädchen.1 Da es sich um ein komplexes Geschehen handelt, ist dessen Erforschung und die Suche nach wirksamen Therapien ausgesprochen schwierig.

Die multizentrische Studie zur Entwicklung neuer Autismus-Medikamente EU-AIMS* (European Autism Interventions – A Multicentre Study for Developing New Medications) ist eine Kooperation zwischen Patientenorganisationen, akademischen Institutionen und Pharmaindustrie. Sie ist das weltweit grösste multizentrische Projekt, das die Innovative Medicines Initiative (IMI) bezüglich ASD finanziert und betreibt. Zu den Zielen des Projekts gehören die Entwicklung und Validierung neuer Methoden und Therapieansätze für die ASD-Behandlung. Angesichts der inzwischen erkannten enormen Vielgestaltigkeit der ASD müssen sowohl medizinische als auch nichtmedizinische Optionen entwickelt werden, die auf die jeweiligen Bedürfnisse dieser Patienten eingehen. Von entscheidender Wichtigkeit sind daher klar definierte Biomarker oder biologische Messgrössen, mit denen sich verschiedene ASD-Untertypen unterscheiden lassen. Nur so kann die Behandlung mit der grössten Erfolgswahrscheinlichkeit gewählt werden.

  • The EU-AIMS Group
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In einer Veröffentlichung in Nature Reviews Drug Discovery meldete die EU-AIMS, dass ein Konsens erzielt worden sei bezüglich der Kriterien und Methoden zur Identifizierung von Biomarkern und weiteren Messgrössen für den Therapieerfolg durch die aus Akademikern aus sieben Studienzentren, der pharmazeutischen Industrie (Roche, J&J und Lilly) sowie der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) bestehende Gruppe. Dies widerspiegelt sich auch in den Empfehlungsschreiben der EMA, die auf der Website der Agentur laufend veröffentlicht werden.

Ein Sprung nach vorne

Das «Longitudinal European Autism Project» (LEAP) der EU-AIMS ist die weltweit grösste klinische Beobachtungsstudie, die Genetik, Neuroimaging, Tests der kognitiven Fähigkeiten und klinische Bewertungen kombiniert. Auch wenn potenzielle neue Medikamente für die ASD-Behandlung entdeckt werden, bleiben erhebliche Hürden für deren Prüfung in klinischen Studien, da qualifizierte Biomarker fehlen und die ASD-Population extrem heterogen ist. Die EU-AIMS LEAP-Studie zielt auf das Identifizieren von Biomarkern für ASD, die auch für die Stratifizierung von Populationen und möglicherweise als Endpunkte in klinischen Studien verwendet werden können. Die Stratifizierung von Patienten in homogenere Subpopulationen könnte dabei helfen, diejenigen Patienten zu ermitteln, die in Abhängigkeit des Wirkmechanismus eines Arzneimittels von der medikamentösen Therapie profitieren könnten. Um konkreter einschätzen zu können, ob die in dieser Studie gewonnenen Daten in Zulassungsentscheidungen für weitere klinische Studien akzeptiert werden würden, wurde eine Stellungnahme der Zulassungsbehörde EMA, die für die Zulassung neuer Medikamente in der Europäischen Union (EU) zuständig ist, eingeholt.

Am Erfolg orientiert

Da die EMA die Bedeutung der Weiterentwicklung der für ASD vorgeschlagenen Biomarker anerkennt, werden diese nun an einem breiten Patientenquerschnitt (verschiedene Altersgruppen, Geschlechter, Patienten mit und ohne Begleiterkrankungen) geprüft. Biomarker sind messbare Grössen wie beispielsweise die Ergebnisse von bildgebenden Untersuchungen des Gehirns, mit denen sich Hirnaktivität und das Zusammenspiel von Hirnarealen erkennen lassen, Augenbewegungsstudien, die die Aufmerksamkeit für soziale Stimuli messen, sowie die Analyse biologischer Proben wie Blut, Speichel und Urin. Mithilfe biologischer Proben lassen sich zum Beispiel genetische Risikofaktoren erkennen, die zu bestimmten ASD-Formen beitragen können.

Angesichts der vielen verschiedenen Variablen sind die aktuellen klinischen Studien nicht flexibel genug, um zuverlässig beurteilen zu können, wir gut eine Behandlung oder eine andere Intervention die Defizite / Symptome von ASD verbessert. Der Artikel des EU-AIMS-Konsortiums in Nature Reviews Drug Discovery umreisst die vorgeschlagenen Kriterien für die Auswahl der LEAP-Studienteilnehmer. Neben den Arten der Symptomverbesserungen, die für die Messung des Behandlungsnutzens verwendet werden sollten, wurden auch die Methoden zur Identifikation von Biomarkern und die Unterscheidung der einzelnen ASD-Untertypen vereinbart.

70%

der Personen mit ASD weisen mindestens eine Begleiterkrankung auf.

Bis zu 70 Prozent der Personen mit ASD weisen mindestens eine Begleiterkrankung auf. Die EMA unterstützte daher die Aufnahme von Studienteilnehmern mit psychiatrischen Komorbiditäten wie Aufmerksamkeitsdefizit / Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS), Angstzuständen oder Depression.2 Darüber hinaus befürwortete die EMA die Aufnahme von Menschen mit ASD und einer geistigen Behinderung, unter der schätzungsweise 55 Prozent der ASD-Patienten – am häufigsten die am schwersten Betroffenen – leiden.3

Was bedeutet das für künftige Studien?

Das Ergebnis des Abstimmungsprozesses mit der EMA ist ein wichtiger Schritt hin zu einem gemeinsamen Verständnis der Biomarker-Kriterien für ASD. Die Validierung und Qualifizierung von Biomarkern werden Schlüsselkriterien für Fortschritte in klinischen Studien zur Bewertung der Effizienz und der Mechanismen therapeutischer Interventionen sein. Mithilfe dieser Biomarker werden sich Patientenpopulationen definieren lassen, die von diesen Behandlungen profitieren, und sie werden die Zulassung neuer Therapien vereinfachen.

European Autism Interventions - A Multicentre Study for Developing New Medications (EU-AIMS)

EU-AIMS ist eine öffentlich-private Partnerschaft mit mehreren Partnern und einer neuartigen Form der Zusammenarbeit von Organisationen, die Betroffene und deren Familien repräsentieren (Autism Speaks), akademischen Einrichtungen und der Pharmaindustrie. Die Beteiligten haben sich erstmals zusammengefunden, um gemeinsam die Infrastruktur für neue Autismusbehandlungen zu entwickeln. Patientenorganisationen, die akademische Welt und die Industrie bündeln ihre Kräfte für die Entwicklung und Bewertung neuartiger Therapieansätze zur Behandlung von Autismus.
http://www.eu-aims.eu/

1 Autism Spectrum Disorder Facts. CDC. http://www.cdc.gov/ncbddd/autism/treatment.html (last accessed November 2015).
2 Simonoff, E. et al (2008). Psychiatric disorders in children with autism spectrum disorders: prevalence, comorbidity, and associated factors in a population-derived sample. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry, 47, 921-9.
3 Charman, T. et al. IQ in children with autism spectrum disorders: data from the Special Needs and Autism Project (SNAP). Psychol. Med. 41, 619–627 (2011).

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