Vertrauen ist der eigentliche Schlüssel

Robert Levering

Robert Levering, Mitbegründer des Great Place to Work Institute und ein Pionier auf dem Gebiet der Mitarbeiterbefragung, erläutert gegenüber Roche, welche Eigenschaften ein Unternehmen in einen attraktiven Arbeitgeber verwandeln können.

Roche: Sie begannen Ihre Laufbahn als Wirtschaftsjournalist und waren 1991 Mitbegründer des Great Place to Work Institute. Können Sie uns diesen Karriereschritt erklären?

Robert Levering: Als Reporter berichtete ich vor allem über schlechte Arbeitsplätze. Ich schrieb zahlreiche Artikel über unzufriedene Arbeiter, Streiks und Mitarbeitende, die ihren Arbeitgeber verklagt hatten. Als Journalist versucht man immer herauszufinden, was falsch läuft in der Welt. Nachdem ich zusammen mit Milton Moskowitz 1981 mein erstes Buch verfasst hatte, fragte uns eine Verlagslektorin aus New York an, ob wir interessiert wären, an einem Buch mit dem Titel The 100 Best Companies to Work for in America zu arbeiten. Ich dachte an einen Scherz und fragte sie: «Warum nicht ein Buch über die 100 schlechtesten Arbeitgeber in Amerika?», und sie lachte: «Dafür haben wir nicht genügend Anwälte.» Schliesslich nahmen wir das Angebot an und reisten durch die USA, um Mitarbeitende von 130 Unternehmen zu interviewen. Die wichtigste Erkenntnis daraus war, dass es tatsächlich einige sehr attraktive Arbeitgeber gibt. Dies bewirkte bei mir ein grundlegendes Umdenken, denn mir war kaum bewusst gewesen, dass solche Orte existierten. Vielen anderen ging es ähnlich. Als Milton und ich dann diese hervorragenden Arbeitsplätze entdeckten, dachten wir uns: «Wow, das ist eine wirklich gute Geschichte, über die müssen wir berichten.»

Aber was hat Sie dazu bewogen, das Great Place to Work Institute zu gründen?

Unser Buch erschien 1984 und war ein grosser Erfolg. Also schrieb ich ein weiteres Buch: A Great Place to Work: What Makes Some Employers So Good—and Most So Bad. Ein Leser, der viel Erfahrung mit Mitarbeiterbefragungen hatte, fragte mich, ob ich eine Mitarbeiterbefragung, basierend auf den Konzepten meines Buchs, durchführen wolle. Ich sagte zu, und zusammen mit Amy Lyman, einer Professorin und Expertin für Organisationsentwicklung, entwickelten wir eine Befragung. Zunächst wollte ich mein Reporter-Dasein nicht aufgeben, aber die Umfragen verlangten immer mehr Engagement. Zudem strebte ich eine aktivere Rolle an. Ich fühlte mich zunehmend frustriert, nur über diese Orte zu berichten, anstatt etwas zu tun, um den Unternehmen zu helfen, zu attraktiveren Arbeitgebern zu werden. Das bewog Amy und mich letztlich, dieses Institut zu gründen.

Gibt es eine spezielle, entscheidende Eigenschaft, die ein Unternehmen zu einem attraktiven Arbeitgeber macht?

Allen attraktiven Arbeitgebern gemeinsam ist ein hohes Mass an Vertrauen zwischen Management und Mitarbeitenden. Den wirklich schlechten Arbeitgebern fehlt es immer daran. Vertrauen scheint der eigentliche Schlüssel zu sein, die Grundlage von allem. Ich prägte einmal einen Satz, der es für mich auf den Punkt bringt: «Ein attraktiver Arbeitgeber ist ein Ort, wo man denen vertraut, für die man arbeitet, stolz auf das ist, was man tut, und Freude hat an der Zusammenarbeit mit anderen.» Mitarbeitende wollen auch das Gefühl haben, einem Unternehmen anzugehören, das unverwechselbar und einzigartig ist. Ohne diese besondere Eigenschaft werden sie ihr Unternehmen höchstwahrscheinlich nicht als attraktiven Arbeitgeber ansehen. In internationalen Unternehmen ist es zudem sehr wichtig, dass die gemeinsamen Werte des Unternehmens effektiv kommuniziert werden und das lokale Management zugleich die nötige Autonomie geniesst.

Sind eher Klein- oder Grossunternehmen gute Arbeitgeber?

Jedes Jahr untersuchen wir mehr als 7500 Unternehmen auf der ganzen Welt anhand unseres «Great Place to Work Trust Index». Wir haben eine leicht erhöhte statistische Wahrscheinlichkeit dafür gefunden, dass kleinere Unternehmen beim Vertrauen höhere Werte erzielen als grössere. Aber es gibt zahlreiche Ausnahmen, so dass man aufgrund der Grösse nichts vorhersagen kann. Auch die Branche, in der Ihr Unternehmen tätig ist, sein Standort oder die Höhe des erzielten Gewinns lassen keine Vorhersagen zu. Diese Variablen sind nicht relevant. Entscheidend ist, wie das Management arbeitet, wie es mit den Mitarbeitenden kommuniziert, wie es einmal getroffene Massnahmen umsetzt. Beispiele für attraktive Arbeitgeber gibt es in jeder Industrie. Allerdings gibt es keine lehrbuchmässige Zauberformel, wie ein Unternehmen zum attraktiven Arbeitgeber mutiert. Entscheidend ist aber in jedem Fall ein hohes Mass an Vertrauen.

Macht sich ein attraktiver Arbeitsplatz auch finanziell bezahlt?

Wir haben dies eingehend untersucht, und die Antwort lautet klar ja. Unternehmen mit attraktiven Arbeitsplätzen übertreffen ihre Mitbewerber bezüglich der Aktienkursentwicklung über viele Jahre hinweg und erzielen eine zwei- bis dreimal bessere Rendite. Auch die Personalfluktuation ist deutlich geringer, was Kosten spart, da die Rekrutierung und die Einarbeitung von Personal teuer sind. In einem Klima des Vertrauens sind Mitarbeitende auch eher fähig und bereit, ihre besten Ideen beizutragen. Dies ist insbesondere für ein innovationsorientiertes Unternehmen wie Ihres wichtig, wo ständig neue Produkte, neue Ideen und neue Arbeitsweisen gefragt sind. Je höher das Vertrauen, desto wahrscheinlicher ist auch eine gute Zusammenarbeit unter den Mitarbeitenden. Und je besser sich die Mitarbeitenden behandelt fühlen, desto besser werden sie ihre Kunden behandeln. Ein attraktiver Arbeitsplatz ist also sozusagen unvermeidlich in einen geschäftlichen Kontext ein gebettet.

Haben Sie in den letzten 30 Jahren Veränderungen zum Besseren oder Schlechteren festgestellt?

Definitiv zum Besseren. Erstens erhält das Thema viel mehr Beachtung als vor 30 Jahren. Zweitens gibt es ein viel stärkeres Bewusstsein, dass man etwas dafür tun kann, also dass man den Arbeitsplatz gezielt und bewusst verbessern kann. Und es ist, glaube ich, keine Selbstüberschätzung, wenn ich sage, dass die weltweite Arbeit unseres Instituts in den letzten 20 Jahren nicht unwesentlich zu dieser Entwicklung beigetragen hat. Die grösste Veränderung besteht jedoch darin, dass diese Thematik in den Führungsetagen generell grosse Beachtung findet. Das war vor 30 Jahren keineswegs der Fall.

Haben Sie noch ein Ziel oder einen Traum, den Sie verwirklichen möchten?

Ja. Mein Traum ist es, dass das Thema attrak-tive Arbeitgeber in nicht allzu ferner Zukunft den gleichen Stellenwert erhält wie vor Jahren die Diskussion um objektive Kriterien bezüglich der Qualität. Damit meine ich, dass die Qualität in den 1970er-Jahren fast schon als fakultativ galt, während sie heute als matchentscheidend anerkannt wird. Höchstleistungen in diesem Bereich sind zudem klar definiert, sei es durch eine ISO-Norm oder Six-Sigma-Bewertung. Mein Traum ist es, dass auch die Theorie und die Praxis attraktiver Arbeitgeber gemäss solchen objektiven Kriterien bewertet und zertifiziert werden könnten und dass jeder versteht, dass ein attraktiver Arbeitsplatz kein Zufall ist, sondern etwas, was jeder Manager bewusst anstreben und umsetzen kann.

Robert Levering

1984 veröffentlichten die Wirtschaftsjournalisten Robert Levering und Milton Moskowitz ihr Buch The 100 Best Companies to Work for in America. Die wegweisende Publikation wurde bald zum Bestseller. Vier Jahre später publizierte Robert Levering A Great Place to Work: What Makes Some Employers So Good—And Most So Bad. Seither ist Robert Levering fasziniert von der Analyse attraktiver Arbeitgeber und von Strategien zur Steigerung der Arbeitsplatzproduktivität. 1991 gründete er das Great Place to Work (GPTW) Institute (mit Amy Lyman), das heute in nahezu 50 Ländern tätig ist. Levering ist Aufsichtsratsvorsitzender des GPTW Institute und Mitverfasser der jährlichen Liste «100 Best Companies to Work for» des Forbes Magazine. Seine Beiträge sind in führenden nationalen und internationalen Publikationen sowie in zahlreichen populären Fernseh- und Radioprogrammen erschienen. Er lebt in San Francisco, Kalifornien.

Tags: Nachhaltigkeit, Menschen