Personalisierte Medizin wäre ohne Biomarker nicht denkbar

Als objektive Parameter lassen sie krankheitsspezifische Prozesse erkennen oder Therapieverläufe verfolgen.

Das Onkologie-Biomarker-Sympo­sium sollte nebst dem Wissensaustausch vor allem das Netzwerk über Funktionen, Divisionen und geografische Standorte hinweg fördern. Denn nur wenn bespielsweise Pharma und Diagnostik eng zusammenarbeiten, können Biomarker-Tests die Entwicklung von Medikamenten begleiten und im Idealfall gemeinsam mit den Therapeutika eingeführt werden.

Warum ist personalisierte Medizin so wichtig? «Ganz einfach», sagt Daniel (Dan) O’Day in seiner Begrüssung kurz und pragmatisch, «weil sie sinnvoll ist. Sie ist vor allem aus der Sicht der Patienten sinnvoll, aber auch vom wissenschaftlichen und ökonomischen Standpunkt her.» Kein Unternehmen könne sich auf Dauer teure, innovative Produkte leisten, die nur bei einem Teil der damit behandelten Patienten wirken. Die One-size-fits-all-Mentalität, bei der ein Medikament generell zur Behandlung von Lungen- oder Brustkrebs eingesetzt wird, habe ausgedient. Heute müsse, so die Organisatorin des Symposiums, Astrid Kiermaier vom Basler Oncology Biomarker Development Team, die Behandlung an den Patienten angepasst werden und nicht umgekehrt.

Die klinischen Einsatzmöglichkeiten von Biomarkern sind vielfältig. Es gibt spezifische Indikatoren zur Beurteilung des Risikos eines Menschen, an einem bestimmten Krebs zu erkranken, oder zur Bestimmung von Untertypen einer Krebsart. Mit Companion-Diagnostik-Tests lassen sich Patienten identifizieren, die sehr wahrscheinlich auf eine bestimmte Therapie ansprechen. Biomarker können auch Informationen über den Therapieverlauf, Nebenwirkungen und Resistenzen liefern, im Idealfall bevor sich entsprechende Veränderungen klinisch zeigen.

Kein Unternehmen kann sich auf Dauer teure Produkte leisten, die lediglich bei einem Teil der Patienten wirken.
Daniel O’Day

Die Identifikation von Biomarkern ist weit vorangeschritten. Ohne klinische Validität allerdings, wenn zum Beispiel (noch) kein Therapeutikum zur Verfügung steht, ist ein Biomarker nutzlos. Die Zulassung für den routinemässigen Einsatz wird er nur erhalten, wenn er Bewertungen ermöglicht, die für den Patienten bessere Behandlung bedeuten. Weitere Voraussetzung: Für jeden Biomarker braucht es präzise, verlässliche Tests. Denn bei falsch negativen oder falsch positiven Ergebnissen bleibt den Patienten die erforderliche Therapie versagt oder sie müssen unnötige Nebenwirkungen in Kauf nehmen.

Heute erfolgt therapieweisende Begleitdiagnostik meist sequenziell mit Gewebeproben. Diese sind aber nur begrenzt verfügbar. Verstärkt setzt man daher auf die Entwicklung so genannter Multiplexing-Technologien, mit denen man verschiedene Marker gleichzeitig in Pararalleltests nachweisen kann. Ein anderer Weg, den Gewebeeinsatz zu minimieren, sind Tests, mit denen gleichzeitig mehrere Mutationen nach­gewiesen werden können.

Gewebeproben können immer nur eine Momentaufnahme eines bestimmten Bereichs eines Tumors geben. Weder der Therapieverlauf noch die Heterogenität des Tumors lässt sich mit Gewebe entschlüsseln. In Zukunft werden sich therapiebegleitende Diagnostika daher vermehrt auf im Blutkreislauf zirkulierende Tumorzellen oder deren DNA stützen. Mögliche Resistenzen könnten sich so zum Beispiel frühzeitig erkennen lassen.

Biomarker oder Technologie – was ist bei der Entwicklung therapieweisender Diagnostika wichtiger? Eine Frage, die sich so nicht stellt. Das eine nützt nichts ohne das andere. Die enge Verzahnung verschiedener Funktionen und Divisionen ist daher essenziell. Dank des Symposiums ist zumindest die Roche-Welt der onkologischen Biomarker noch ein Stück näher zusammengerückt.

Alles eine Frage des Geschmacks

«To taste or not to taste?» Ein Blick auf das Mienenspiel derjenigen, die am Biomarker-Experiment mit Phenylthiocarbamid (PTC) teilnahmen, reichte zur Beantwortung dieser Frage völlig aus.

Während manche (die Supertaster) angewidert das Gesicht verzogen, blieben andere (die Non-Taster) relativ gleichgültig. Der Grund: Supertaster nehmen Geschmacksreize sehr viel intensiver wahr. Die gilt vor allem für den erwähnten Bitterstoff PTC, den allerdings nur zwei Drittel aller Menschen überhaupt schmecken. Die Roche-Mitarbeitenden erwiesen sich hinsichtlich ihres Geschmacks als durchschnittlich. 35% sind Supertaster, 35% Taster und bei 30% löste der Bitterstoff gar keine Reaktion aus.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Weniger bekannt ist, dass man dabei auch wissenschaftliche Argumente ins Feld führen kann. Es liegt in den Genen, wie empfindlich wir auf Geschmacksreize reagieren. Vor allem das Gen TAS2R38, auch «PTC-Gen» genannt, und seine zwei Varianten entscheiden darüber, wie heftig wir auf den Bitterstoff PTC reagieren.

Schmecker oder Nichtschmecker – ein Biomarker, der weitere Rückschlüsse zulässt. Die geschmackssensibleren Zeitgenossen empfinden in der Regel zum Beispiel auch Zigarettenrauch oder Rosenkohl als unangenehm. Wenn Ihr Kollege also im Personalrestaurant bei Rosenkohl ansteht, handelt es sich ziemlich sicher um einen Non-Taster. Und: Verübeln Sie es Ihren Kindern nicht, wenn sie Rosenkohl verweigern. Es liegt in den Genen. Sie sind eben Supertaster.

Zahlen und Fakten

Biomarker und die damit einhergehende personalisierte Medizin kommen bei Krebs häufiger zum Einsatz als bei anderen Krankheiten. Man kennt eine ganze Reihe messbarer Parameter, die Aufschluss darüber geben, welcher Subtyp einer Krebsart vorliegt oder wie sich Tumoren entwickeln.

Diese Vorreiterrolle der Onkologie kommt nicht von ungefähr. Denn gerade bei Krebs ist es wegen oft erheblicher Nebenwirkungen wichtig, nur Patienten zu behandeln, die auch von einer Therapie profitieren können. Insgesamt sind bisher 18 diagnostische Begleittests zugelassen, einige davon zielen auf denselben Biomarker, zum Beispiel das Protein HER2.

Ein Blick in die Forschungs- und Entwicklungspipeline verdeutlicht den hohen Stellenwert, den die Personalisierte Medizin bei Roche und Genentech inne hat:

  • 5 von 9 onkologischen Produkten werden basierend auf begleitenden Diagnostiktests verschrieben.
  • Insgesamt befinden sich derzeit mehr als 30 nichtredundante, begleitende Assays in der klinischen Entwicklung und Nachzulassung.
  • Für 70% aller Substanzen in der klinischen Entwicklung gibt es Begleittests.

Tags: Nachhaltigkeit, Innovation, Wissenschaft