Was hat «Alice im Wunderland» mit Forschung am Hut?

Der Forschungsplatz Schweiz ist in guter Verfassung. Das ist allerdings noch lange kein Grund, sich auf den Lorbeeren auszuruhen, wie an einer hochkarätig besetzten Tagung zur Situation des Forschungsplatzes Schweiz zu erfahren war.

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Hochkarätige Referenten aus Akademie und Industrie haben kürzlich bei einer Tagung in Bern die Situation des Forschungsplatzes Schweiz beleuchtet. Eingeladen hatte der Verein «Forschung für Leben», der sich seit seiner Gründung im Jahr 1990 für den Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit engagiert.

Fazit der gutbesuchten Veranstaltung unter dem Titel «Forschen in der Schweiz – Möglichkeiten und Schwierigkeiten»: Der Forschungsstandort Schweiz steht heute gut da und behauptet im internationalen Vergleich in Bezug auf die Innovationskraft einen Spitzenplatz. Institutionen wie die ETH messen sich mit Ikonen wie der Harvard University in Boston; nirgends kommen so viele Nobelpreise auf eine Million Einwohner wie in der Schweiz.

Sich angesichts dieser erfolgreichen Bilanz zurückzulehnen, wäre aber fatal: Es brauche ein dauerndes Engagement sämtlicher Akteure, um mit den ständigen Veränderungen und vielen Herausforderungen Schritt halten zu können. Denn nebst seinen grossen Stärken sieht sich der Forschungsplatz Schweiz auch mit Problemen konfrontiert: schleichende Bürokratisierung, Mängel bei der Förderung des Nachwuchses, Widerstand gegen gentechnische Experimente, Verzögerungen bei der Bewilligung klinischer Versuche und der Zulassung neuer Medikamente.

Bedeutung und Engagement der Pharmaindustrie

Thomas Cueni, Generalsekretär des Verbands der forschenden pharmazeutischen Industrie Interpharma, gab in seinem Referat einen Überblick über die Leistungen der Pharmabranche. Er erinnerte daran, dass die Pharmaindustrie sowohl bei der nationalen Wertschöpfung als auch im Bereich der Forschungsaufwendungen eine herausragende Rolle spielt und einen wesentlichen Beitrag an den wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Erfolg der Schweiz leistet. So stellt die Pharmabranche mehr als 140’000 Arbeitsplätze (direkt und indirekt), hat einen Anteil von 32 Prozent an den Gesamtexporten der Schweiz und zeichnet sich durch eine hohe Arbeitsplatzproduktivität aus. Zudem trägt sie rund 38 Prozent zu den insgesamt 12 Milliarden Schweizer Franken bei, die von der Privatwirtschaft für Forschung und Entwicklung aufgewendet werden.

Des Weiteren engagiert sich die Pharmaindustrie in der Ausbildung von Lehrlingen, Praktikanten, Doktoranden und Postdocs, fördert begabte Nachwuchsforschende sowie Start-ups und stellt Mittel zur Finanzierung von Projekten an Schweizer Universitäten zur Verfügung. Im Jahr 2010 gründeten beispielsweise das Universitätsspital Basel, die Universität Basel und Roche den «Basel Translational Medicine Hub», ein Forschungsnetzwerk in der translationalen und der personalisierten Medizin. (Unter translationaler Medizin versteht man die Schnittstelle zwischen präklinischer Forschung und klinischer Entwicklung.)

«Der Schweizer Forschungs- und Pharma-standort ist dank der beiden starken Säulen Unternehmertum plus exzellente Hochschulen in guter Verfassung – aber die Spitzenposition wird uns nicht geschenkt», unterstrich Cueni.

Erfolgreiches Teamwork von Industrie und Akademie

Mit Scharfsinn und Witz sprach Antonio Loprieno, Rektor der Universität Basel und Präsident der Rektorenkonferenz, zum Thema Forschungschwerpunkte der Schweizer Hochschulen, die einen wichtigen Beitrag zur Innovationsstärke des Landes leisten.

Unter den Themen der Tagung, über die engagiert referiert und angeregt diskutiert wurde, figurierte unter anderem das europäische Forschungsprogramm «Horizon 2020», an dem die Schweiz als assoziiertes Land teilzunehmen hofft und das, ausgestattet mit rund 70 Milliarden Euro, die Wettbewerbsfähigkeit Europas steigern soll. «Die Schweiz müsste eine feste Summe in den Topf geben. Um dessen Inhalt wird ein Wettbewerb stattfinden, bei dem allein die Qualität des betreffenden Forschungsvorhabens zählt», so Peter Erni, Direktor von Eurosearch, einer vom Bund geförderten Agentur, an der Universitäten und Fachhochschulen beteiligt sind. Ihre Aufgabe besteht darin, die Teilnahme von Schweizer Forschern an europäischen Forschungsprogrammen zu erleichtern.

Herbert Reutimann, Geschäftsführer von Unitectra – einer Organisation der Universitäten Basel, Bern und Zürich, die sich mit Fragen des Technologietransfers befasst und Forschende bei Kooperationen mit der Privatwirtschaft unterstützt –, erläuterte Theorie und Praxis seines Aufgabenbereichs. Was die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Akademie betrifft, seien verbindliche Spielregeln äusserst wichtig, etwa um die Vertraulichkeit von Forschungsprojekten zu wahren und den Vorwurf zu entkräften, die Freiheit der Forschung könnte durch wirtschaftliche Interessen gefährdet werden.

Annette Oxenius vom Institut für Mikrobiologie der ETH Zürich fragte provokativ, ob der Schweizerische Nationalfonds Geldesel oder Garant für einen innovativen Forschungsstandort sei. Wohl eher Letzteres, denn im Schnitt wird jedes zweite Projektgesuch angenommen – laut Oxenius eine extrem glückliche Situation, liege die Erfolgsquote vergleichbarer Institutionen in den Vereinigten Staaten und in Grossbritan­nien doch unter zehn Prozent. Marcel Gyger, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Versuchstierkunde, berichtete über Vorschriften und Einschränkungen im Bereich der Tierversuche; Beat Keller, Vorsteher des Instituts für Pflanzenbiologie der Universität Zürich, benannte die Schwierigkeiten bei der Durchführung von Freilandexperimenten mit gentechnisch veränderten Nutzpflanzen.

Schnell rennen, um am gleichen Ort zu bleiben

Eine einzelne Themen und Fragen vertiefende Podiumsdiskussion unter der Moderation von Urs Steiger, mit Antonio Loprieno, Thomas Cueni und Michael Hengartner bildete das Finale einer Veranstaltung, die einen aufschlussreichen Tour d’horizon durch die heutige Forschungslandschaft Schweiz bot und die Teilnehmenden mit manch überraschenden Einsichten und faszinierenden Aspekten bereicherte.

In seinem Schlusswort hielt Michael Hengartner, Präsident des Vereins Forschung für Leben und künftiger Rektor der Uni Zürich, ein flammendes Plädoyer, in dem er alle Forschenden dazu aufrief, für ihre Sache einzustehen und sich nicht nur in der eigenen wissenschaftlichen Arbeit, sondern vermehrt in der Öffentlichkeitsarbeit zu engagieren. Das sei trotz der erfreulichen Perspektiven notwendiger denn je. Stillstand bedeute bekanntlich Rückschritt; deshalb solle man sich an den Rat erinnern, den die Rote Königin der Heldin von Alice im Wunderland gibt: «Hier, verstehst du, musst du so schnell laufen, wie du nur kannst, damit du es schaffst, am gleichen Ort zu bleiben.

Fruchtbare Interaktion zwischen den fachlichen Kulturen

Antonio Loprieno, Rektor der Universität Basel: «Um wissenschaftliche Leistungen auf Topniveau und auf globaler Ebene zu erbringen, müssen sowohl die Geistes- als auch die Naturwissenschaften in der Lage sein, autonom zu operieren und ihre eigene Kultur zu entwickeln. Eine fruchtbare Interaktion zwischen den beiden fachlichen Kulturen ist aber sicher möglich und nötig, insbesondere im Bereich der Lehre. Dort, wo Interdisziplinarität sinnvoll ist, fördern wir sie selbstverständlich. Doch Interdisziplinarität basiert auf fachlicher Kompetenz, nicht umgekehrt.»

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