In unserem Model Shop werden Spezialteile auf Bestellung angefertigt

Vollblutmechaniker am Werk

Wenn Sie die Vorstellung haben, dass man im Model Shop bei Roche in Rotkreuz eine Miss Schweiz buchen kann, dann liegen Sie damit definitiv falsch. Betritt man die Werkstätten, sieht man folglich keine Laufstege, sondern grosse und kleinere, mehr oder weniger lärmende Maschinen. An einigen Arbeitsplätzen kann man Mitarbeiter beobachten, die hochkonzentriert ein Werkstück bearbeiten; die neun grossen Fräsmaschinen scheinen die Arbeit ganz alleine zu erledigen.

Aber der Schein trügt. Rolf Schnarwiler, als Leiter verantwortlich für den Model Shop mit zwölf Beschäftigten, zeigt uns den Maschinenpark und erläutert die Aufgabe seines Teams.

Zuerst macht er einen Abstecher in die Historie. Früher wurden in Rotkreuz noch viel mehr Teile selbst hergestellt. Dafür zuständig war die Fabrikation. Diese wurde 1998/1999 ausgelagert. Im Rahmen der Instrumenten-Entwicklung bestand aber nach wie vor Bedarf nach spezialgefertigen Teilen. Aus der bestehenden Versuchswerkstatt entstand der Model Shop mit den an den neuen Auftrag angepassten Erweiterungen. Der Model Shop gehört heute organisatorisch zu «Instrument Development» und ist damit Teil von GPS (Global Platforms & Support).

Schnarwiler und seine Mannen führen aber nicht einfach eine Werkstatt für Spezialteile. Geht es um mechanische Fragen, sind sie Partner der Entwickler. Die Produkteentwickler und -designer bestellen beispielsweise ein spezielles Teil, das sie für ihr neues Gerät brauchen. Zwar ermöglicht moderne CAM-Technik (Computer-Aided Manufacturing), dass die exakten 3-D-Daten vom Entwickler direkt in den Model Shop geschickt werden. Dennoch bespricht der Auftraggeber den Job auch persönlich. Der Mechaniker kann dann die 3-D-Daten des Teils mit einem Computerprogramm bearbeiten, wenn nötig Simulationen durchführen und direkt an eine der modernen Fräsmaschinen senden.

Der Model Shop verfügt derzeit über vier 5-Achsen-Fräscenter. Der mechanisch unbedarften Besucherin erklärt Schnarwiler, dass auf dieser Maschine das Werkstück mit fünf statt nur drei Achsen bearbeitet wird, darum müsse man das Teil zwischendrin nicht immer wieder umspannen. Damit erreicht man eine höhere Genauigkeit in Form und Lage.

Schnarwiler ist dankbar, dass man kontinuierlich in eine moderne Infrastruktur investieren konnte, um technologisch stets auf dem neuesten Stand zu sein. «Wir vermochten dadurch die Effizienz und auch – wo überhaupt möglich – die Qualität weiter zu steigern. Im Verlauf der Jahre haben wir immer mehr Aufträge erhalten. Dank der modernen Ausrüstung können wir die anfallenden Arbeiten seit 14 Jahren mit dem gleichen, durch Pensionierungen sogar etwas kleinerem Personalbestand bewältigen.»

Gute Mischung

Das Team ist eine gute Mischung aus erfahrenen und jüngeren Mechanikern. Grundsätzlich kann jeder an allen Maschinen arbeiten und mit den erforderlichen Computerprogrammen umgehen. Einzig an der komplexen Drehmaschine arbeitet momentan ein Spezialist. Und auch den 3-D-Drucker bedienen nur vier Mitarbeiter. Ein Gerät, das den erfahrenen Mechaniker Schnarwiler allerdings nicht extrem herausfordert. «Aber es ist eine tolle Ergänzung zu unseren anderen Möglichkeiten, um Kunststoffteile innert kürzester Zeit zu fertigen»

Um hier zu arbeiten, müsse man Vollblutmechaniker sein, meint Schnarwiler. «Wir profitieren von der Erfahrung, darum ist es wichtig, dass wir uns gegenseitig austauschen. Man muss sich aber auch immer wieder mit der neuesten Technik auseinandersetzen. Wir produzieren Einzelteile oder nur ganz kleine Stückzahlen. Darum ist die Arbeit anspruchsvoll, sehr interessant und abwechslungsreich.»

Bei der Entwicklung und beim Design eines neuen Geräts spielen zahlreiche Faktoren eine Rolle. Die Mitarbeitenden des Model Shop machen sich darum auch Gedanken über die Materialwahl, die Oberflächenbeschaffenheit eines Teils, die erforderliche Genauigkeit oder die künftigen Produktionskosten. Schnarwiler erklärt pragmatisch: «Können wir bei einem Teil mit einem günstigeren Material die gleiche Qualität garantieren, kann das in der späteren Serienproduktion schnell eine halbe Million Franken ausmachen, wenn man die Lebensdauer des Produkts berücksichtigt.» Im Model Shop wird zudem ein Blick auf die Zeichnungsdokumente geworfen und geprüft, ob sie für die spätere Serieproduktion nachvollziehbar sind.

Was von den Auftraggebern ganz besonders geschätzt wird, ist die schnelle Reaktionszeit des Model Shop. Immer ein Mitarbeiter hat «Express-Dienst». Das heisst, er kümmert sich um dringende Anfragen, wenn etwas sofort erledigt werden muss. Und sofort bedeutet in diesem Fall innerhalb eines halben Tages.

Nebst der mechanischen Fertigung sind zwei Mitarbeiter des Model Shop mit dem Aufbau von Funktionsmustern und Prototypen beschäftigt. Sie sind auch eine wichtige Schnittstelle zwischen Instrumenten-Entwicklung und Global Operations, wo unsere Projekte dann zu Produkten werden. Sie führen zudem in einem weiten Raum Tests mit Prototypen durch. Bestimmte Systemmodule werden 24 Stunden pro Tag und sieben Tage die Woche einem Dauertest unterzogen. So gewinnt man wichtige Informationen über allfällige Schwachstellen in Bezug auf Verschleisserscheinungen und natürlich auch über die Lebensdauer eines Produkts.

Das Team des Model Shop hat im letzten Jahr 17’000 Stunden Arbeit für 112 verschiedene Projekte, Produktelinien und Kostenstellen geleistet. Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, dass da flexible, unkomplizierte und hilfsbereite Profis am Werk sind. Darum kommt es hin und wieder vor, dass der Model Shop mit einem Sondereinsatz auch da aushilft, wo eigentlich externer Support verantwortlich wäre.

So unlängst geschehen: «Wenn eine ganze Abfülllinie stillsteht, weil sie auf den externen Support warten müssen, da können wir ja nicht einfach abwinken. Wir konnten helfen – und der Betrieb lief weiter.» Schnarwiler lächelt: «Es darf nicht zur Regel werden. Aber wir helfen gerne, vorausgesetzt, wir verfügen über die Kapazität und das Know-how.»

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