Vom Spitzensport lernen

Im richtigen Moment Höchstleistung bringen, seinen Körper und sich selbst motivieren und dabei die innere Balance halten – Spitzensportler sind wahre Meister auf diesem Gebiet. Hier kann man sich so einiges abgucken.

Wie schaffen es Profisportler die Konzentration auf den Wettkampf zu fokussieren und alle anderen Belange in diesem Moment zurückzustellen? Wie wird ein Rückschlag verarbeitet und mit neuem Tatendrang erneut begonnen? Wir finden diese Themen spannend und möchten sehen, ob sich manche Ansätze aus dem Sport auf das Berufs- und Privatleben übertragen lassen. Roche lud daher Berufserfahrene aus dem Ingenieurwesen ein, um gemeinsam mit einigen Roche-Vertretern die Methoden und Techniken der Spitzensportler kennenzulernen und zu erleben.

Jürgen Boss, geschäftsführender Gesellschafter der projekt-dialog gmbh, ist überzeugt, dass die innere Haltung der entscheidende Motivations-Faktor bei Menschen ist. Dieses Wissen setzt er als ehemaliger Handballer auch intensiv bei Spitzenmannschaften, Profi-Sportlern und Trainern ein und ist auch wesentlicher Bestanteil in der Arbeit im Coaching von Teams und Führungskräften, u.a. auch bei Roche. Er nutzt das Potential aus der Verbindung von Sport und Wissenschaft, um mit ungewöhnlichen Ansätzen viel zu bewirken. Bei seinem Vortrag bei Roche legte er neben einer theoretischen Einführung seinen Schwerpunkt auf praktische Übungen, um die Funktionsweise des Gehirns sowie unterschiedliche Reaktionsmuster aufzuzeigen. Mit Begeisterung und viel Engagement wurden seine Anleitungen befolgt um es dann im Boxen auszuprobieren. Im Anschluss erläuterte Daniel Strigel, Leiter des Olympiastützpunkts Rhein-Neckar und Bronzemedaillen-Gewinner bei Olympia, am Beispiel eines Trainingsplans die Leistungseinteilung im Profisport und die Bedeutung von aktiven Pausen. Am Mittag wurde das am Morgen Gehörte in die Praxis umgesetzt. Die  Teilnehmenden wechselten dabei die Perspektive und stiegen in den Boxring. Natürlich nicht, ohne dass vorher anstehende Warmmachen mit Valdimir Pletnev, Olympiasieger, Weltmeister und Bundestrainer des Deutschen Boxverband.  Durch das Coaching bekam jeder ein direktes Feedback zur Umsetzung.

Während der gesamten Veranstaltung hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, sich mit Roche Mitarbeitern auszutauschen und Kontakte zu knüpfen. Ein oft gefallenes Feedback der Teilnehmenden am Ende der Veranstaltung: „Roche war mir als Arbeitgeber für Ingenieure eher unbekannt. Durch die Gespräche mit den Fachleuten wurde das Potential, welches in Roche auch für Ingenieure steckt, erst bewusst“.

Einblick in die Welt des Sports

Interview mit Daniel Strigel

Was war ihr Erfolgsrezept bei Olympia?

Olympia ist ja der vorläufige Höhepunkt einer jahrzehntelangen Ausbildung und Vorbereitung. Zwischen 1994 (erstmalig Junioren-Nationalmannschaft) und 2004 (Bronzemedaille Athen 2004) ist viel geschehen, da lässt sich ein bestimmtes „Rezept“ nicht herausgreifen. Aber konkret bei Olympia stand ich vor der besonderen Herausforderung, dass ich ein Jahr zuvor wegen eines Kreuzbandrisses das Training unterbrechen musste und daher ausgerechnet auf dem Höhepunkt meiner Laufbahn im Ausdauerbereich nicht perfekt austrainiert war. Das konnte ich kompensieren, indem ich in den Kampfpausen die von mir favorisierte Entspannungsmethode „Selbsthypnose“ angewendet habe. Ohne dieses Mosaik-Steinchen wäre es wohl nicht so gut gelaufen, sodass man das als ein „Erfolgsrezept bei Olympia“ bezeichnen könnte.

Wie haben Sie es geschafft, auf den Punkt Leistung zu bringen und den Kopf von allem anderen frei zu bekommen?

Ja, „Leistung auf den Punkt“ und „Kopf frei“ hängen tatsächlich eng zusammen, das läuft auf den Begriff des „flow“ hinaus, der natürlich auch in der Sportpsychologie verwendet wird. Es kommt darauf an, ganz in der aktuellen Tätigkeit aufzugehen. Und dazu darf man weder überfordert noch unterfordert von der aktuellen Situation sein. Sowohl im eigenen Selbstgespräch wie in der Gestaltung aller beeinflussbaren Umweltfaktoren liegt der Schlüssel dazu, jede Situation für sich möglichst nah an eine „flow-Situation“ heran zu modulieren. Das erfordert Übung, vom Einfachen zum Schwierigen. Nach vielen Jahren gelingt das dann hoffentlich auch in den ganz wichtigen Situationen.

Während andere ihre Balance nach der Arbeit im Sport finden, ist Sport Ihr Beruf. Wo haben Sie den Ausgleich gefunden?

Tatsächlich ist es gewöhnungsbedürftig, nach der Arbeit Sport zu treiben, wenn das Büro inmitten eines Sportkomplexes liegt. Aber es kommt ja auch nicht auf das Sporttreiben an, sondern auf den Ausgleich. Und dafür ist erstmal wichtig, möglichst nahtlos seine innere Rolle ändern zu können und von „Anspannung“ auf „Entspannung“ zu wechseln. Die Kompetenz, diesen Wechsel im Tagesablauf und nach dem Arbeitstag zu schaffen, durfte ich mir im Leistungssport aneignen. Ich brauche deswegen auch nicht unbedingt äußere Reize wie sportliche Betätigung, um auf „Entspannung“ zu wechseln.

Interview mit Jürgen Boss:

Wie unterstützen Sie die Sportler am Stützpunkt?

Bei den Sportlern geht es hauptsächlich darum, sie dabei zu unterstützen, in einen inneren Zustand zu kommen, in dem sie ihre Ressourcen und Potentiale abrufen können – sprich „gut drauf sind“. Das wiederum ist ein gutes Training für mich, meine emphatischen Fähigkeiten und auch die Fähigkeit, unkomplizierte und schnelle Lösungen zu finden, einzusetzen. Bei den Profi-Schiedsrichtern kann ich während der Welt- oder Europameisterschaften (meistens 2-3 Wochen) intensiv mit optimaler technischer/medialer Unterstützung Experimente zur inneren und äußeren Haltung durchführen - das Ergebnis ist sichtbar (im TV) und kann entsprechend weiter genutzt werden.

Profitieren Sie selbst auch von den Methoden?

Wenn man selbst einmal in oder am Spielfeld war, kann man erahnen, unter welcher Belastung diese Menschen stehen und unter dieser Belastung (emotional und körperlich) arbeiten (sprich-entscheiden) müssen. Von der Wirksamkeit der Methoden profitiere ich dann nicht nur selbst in der Bewältigung schwieriger Situation im Job und Alltag sondern auch unsere Teilnehmer, in dem ich diese Tipps und Tricks dann gerne weiter gebe. Es ist ein Geben und Nehmen. Und in dieser Arbeit bekommt man sehr viel an Dankbarkeit auch zurück.

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