Leben kann man nicht nur im OP retten

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Dr. med. Julia Annabel Wagle, Jahrgang 1974, ist seit 2011 bei der Roche Pharma AG beschäftigt. Davor war die gebürtige Stuttgarterin zehn Jahre als Fachärztin in der Neurochirurgie tätig. Seit Anfang 2016 bekleidet sie die Position der Abteilungsleiterin im Medical Management in Grenzach-Wyhlen. Zuvor war sie zehn Jahre als Chirurgin tätig und hat zuweilen direkt Menschenleben gerettet – genau dafür studieren Menschen meist Medizin. Diese große Intensität hat sie in ihrer Arbeit beim Pharmakonzern Roche zwar nicht mehr. Aber dafür sei sie jetzt beruflich viel glücklicher, verrät sie im Interview.

Frau Wagle, wie sind Sie eigentlich zu Roche gekommen?

Ich habe mich nach meinem Medizinstudium auf Neurochirurgie spezialisiert, weil ich diesen Bereich extrem spannend fand. Vor dem Abschluss der Facharztausbildung hatte ich über ein Stipendium der Universität noch die Möglichkeit, mich ein Jahr der experimentellen Wissenschaft zu widmen und habe im Labor der Kinderklinik neuroonkologisch gearbeitet. Ich wollte gerne noch einen anderen Teilbereich der Medizin außerhalb des Operationssaales kennenlernen. Wenn man in der Chirurgie richtig erfolgreich sein möchte, dann verbringt man viele Stunden im Operationssaal. Wissenschaftliche Forschung parallel und ernsthaft zu betreiben,

ist meist kaum möglich. Wenn man chirurgisch tätig ist, ist der Tagesablauf klar geregelt, es überwiegen auch oft Routineeingriffe. Nur zu einem wesentlich kleineren Prozentsatz darf man spannendere Operationen durchführen.

Ich habe mich dann gefragt: Möchtest du das die nächsten zwanzig oder dreißig Jahre weiter so machen? Und dann für mich festgestellt, dass mich das nicht erfüllen wird. Ich möchte in meinem Berufsleben vielfältige Möglichkeiten haben, diese bietet die Pharmaindustrie für mich.

Und wie sind Sie dann mit der Pharmabranche in Berührung gekommen?

Ich habe insgesamt zehn Jahre nach meinem Studium als Chirurgin gearbeitet und immer auch Kontakt zu Pharmavertretern gehabt, die wissenschaftlich hoch versiert waren. Es hat mir immer Spaß gemacht, mit ihnen in Projekten zusammenzuarbeiten.

Außerdem hat eine Freundin von mir früh angefangen in der Pharmaindustrie zu arbeiten, sodass ich aus erster Hand wusste, wie es ist, dort beschäftigt zu sein. Und irgendwann habe ich mir gedacht, dass das durchaus etwas für mich sein könnte.

Wie vollzog sich Ihr persönlicher Einstieg?

Ich habe mir zunächst einmal die Pharmafirmen genau angeschaut und fand Roche aus mehreren Gründen attraktiv. Mich hat beeindruckt, dass Roche viel in Forschung investiert, wie wissenschaftlich orientiert die ganze Firma arbeitet, wie extrem groß die Pipeline ist und auch sehr breit gefächert. Für mich war es sehr wichtig, in ein Unternehmen einzusteigen, das auf innovative patentgeschützte Medikamente ausgerichtet ist. Ich habe zu Beginn den Wunsch geäußert, langfristig in der Neurologie arbeiten zu wollen – und es wurde mir zugesagt, dass das langfristig möglich sein werde.

Haben Sie dann auch in der Neurologie begonnen?

Nein, meine erste Station bei der Roche Pharma AG war die Rheumatologie, aber genau das wollte ich so und fand es spannend.

Ich wollte ja für mich neue medizinische Bereiche kennenlernen.

Was genau war dann zu Beginn Ihre Aufgabe?

Ich war Teamleiterin im Medical Management. Das Medical Management bei Roche erarbeitet die medizinische Gesamtstrategie eines Medikamentes und setzt diese dann um. Hauptfokus liegt auf der Datengenerierung, dem Austausch und der Zusammenarbeit mit Meinungsbildnern und Fachgesellschaften sowie Planung und Durchführung medizinischer Veranstaltungen wie Symposien auf wissenschaftlichen Kongressen. Wir sind die medizinischen Experten für das Produkt, etwa bei einer Verhandlung mit einer Krankenkasse. In unseren globalen Roche-Teams für ein Medikament sind wir die Vertreter für den deutschen Markt.

Wie wichtig ist Deutschland eigentlich weltweit als Medizinmarkt?

Sehr wichtig. In vielen Bereichen und bei vielen Indikationen ist Deutschland nach den USA vom Umsatz her die Nummer zwei weltweit. Deshalb ist es auch für unsere internationalen Teams wichtig zu wissen, was im deutschen Medizinmarkt geschieht. Aber auch für uns ist dieser Austausch sehr wichtig.

Ist Ihr Job eigentlich international?

Im Prinzip sind alle aus meiner Abteilung in die Arbeit unserer internationalen Teams eingebunden und stehen in engen Kontakt, um die globalen Strategie mit zu erarbeiten. Wir bereisen selbstverständlich die wichtigsten nationalen und internationalen Kongresse, die für unsere Indikationsgebiete wichtig sind. Das sind sicherlich acht bis zehn Kongresse im Jahr. Im Schnitt bin ich etwa mindestens einmal im Monat unterwegs, häufig natürlich auch in Deutschland. Es ist für uns ganz wichtig, sehr nah an der Wissenschaft zu bleiben, sich zu vernetzen und auszutauschen.

Das heißt, nach Ihrem Einstieg in die Rheumatologie sind bei Ihnen noch ein paar andere Themenbereiche dazugekommen?

Ja, selbstverständlich! Das ist ja auch das Tolle an meinem Job, diese thematische Vielfalt. Nach eineinhalb Jahren in der Rheumatologie bin ich wie zuvor vereinbart in die Psychiatrie eingestiegen und war für ein sehr hoffnungsvolles Schizophrenie-Präparat verantwortlich. Leider war die Phase-III bei dem Medikament negativ und wir haben es deshalb nicht auf den Markt gebracht. Solche Rückschläge muss man als Team manchmal leider hinnehmen. Zum Glück hat Roche genügend neue Projekte in der Pipeline.

Für wie viele Medikamente sind Sie derzeit zuständig?

Momentan bin ich als Abteilungsleiterin bei der Roche Pharma AG für alle nichtonkologische Therapiegebiete zuständig. Dazu zählen unter anderem die Rheumatologie, die Neurologie/Psychiatrie, die Hämophilie, die Pulmonologie, die Gastroenterologie und die Ophthalmologie. Wir sind zirka 25 Mitarbeiter.

Wie sind Sie denn zur Abteilungsleiterin aufgestiegen?

Ich habe mittlerweile zwei Töchter und habe mich während der Elternzeit auf die Stelle beworben, da ich diese bereits vorher stellvertretend ausgefüllt hatte und mir diese viel Spaß bereitet hatte. Es ist eine Herausforderung als Mutter, aber zum Glück gibt es bei Roche sehr flexible Arbeitszeiten. Es ist in der Regel kein Problem, sich einmal einen Nachmittag freizunehmen oder Arbeit abends oder im Homeoffice zu erledigen. Das ist schon ein großer Vorteil gerade, wenn man eine Familie hat.

Wenn Sie Ihren Beruf heute mit Ihrem früheren Berufsleben als Ärztin vergleichen: Hat sich der Wechsel für Sie gelohnt?

Auf der einen Seite fehlt es mir manchmal wirklich, Patienten direkt zu behandeln. Sie dürfen nicht vergessen: Ich war Chirurgin mit sehr unmittelbarem Patientenkontakt und habe zusammen mit dem OPTeam durch die Arbeit unserer Hände zuweilen Menschenleben gerettet. Das erlebe ich bei Roche so in der Intensität nicht mehr. Aber beruflich bin ich jetzt insgesamt viel glücklicher.

Was glauben Sie, woran das liegt?

Das liegt zum einen sicherlich an der thematischen und inhaltlichen Vielfalt, die mir hier bei Roche geboten wird. Ich habe in den letzten sechs Jahren verschiedene Produkte bei Roche aus ganz unterschiedlichen medizinischen Themenbereichen begleitet. Ich verspüre in meiner heutigen Tätigkeit viel mehr Selbst- und Eigenständigkeit. Das liegt sicherlich auch an den flachen Hierarchien hier und dem Austausch mit Akademikern auch anderer Fachbereiche außerhalb der Medizin. Außerdem bekommt man seitens der Patienten auch Feedback.

Wie kann man sich dieses Feedback vorstellen?

Ich nenne Ihnen einfach mal ein Beispiel: Wir forschen gerade an einem Medikament aus dem Bereich der Hämophilie, das dafür sorgen wird, dass Kinder zukünftig nicht mehr alle zwei Tage eine intravenöse Substitution von Gerinnungsfaktoren benötigen werden, sondern aufgrund eines innovativen Therapieansatzes nur noch einmal pro Woche eine subkutane Injektion bekommen müssen und dadurch hinsichtlich der Blutgerinnung auf der sicheren Seite sind. Darauf warten die Patienten und  Patienten-organisationen heute schon und freuen sich auf das Medikament. Das Patientenfeedback ist für unsere Mitarbeiter eine große Motivation.

Welche Mitarbeiter suchen Sie eigentlich für Ihre Abteilung im Medical Management?

Wir suchen nicht nur Ärzte, sondern auch Chemiker, Biologen, Ernährungswissenschaftler und Apotheker. Ich schätze diesen fachbereichsübergreifenden Austausch sehr, denn ich empfinde ihn als bereichernd. Jeder bringt aufgrund seiner Ausbildung andere Kompetenzen mit. Momentan würden wir gerne noch mehr Ärzte für unser Team gewinnen. Am liebsten natürlich Ärzte, die Interesse an Teamarbeit und Forschung haben.

Was sollten Mediziner, die sich für einen Einstieg bei Roche interessieren, sonst noch mitbringen?

Sie sollten von der Einstellung her zu den Werten passen, für die Roche steht. Unsere Werte sind Mut, Leidenschaft und Integrität. Mutig sollten wir alle sein, denn das ist der Schlüssel zur Kreativität und zur Bereitschaft neue Wege einschlagen zu wollen. Leidenschaftlich sind hier wirklich sehr, sehr viele Mitarbeiter, weil sie einfach für die Produkte brennen und diese weiter zu entwickeln ein extrem spannender Prozess ist. Und Integrität ist deshalb so wichtig, weil sie die Basis für Erfolg ist. Diese Werte sollen uns alle dabei unterstützen, Menschen zu guter Gesundheit und einem langen Leben zu verhelfen. Als ich noch als Ärztin tätig war und von diesen Werten gehört habe, war das für mich ein entscheidendes Signal, mich beruflich näher mit Roche zu befassen.

© Magazin „arzt&karriere“ mit Roche, November 2017

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