Kooperation ist alles

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Angesichts des Fachkräftemangels und 10 000 unbesetzter Lehrstellen in Bayern sind Bildungspartnerschaften zwischen Schulen und Unternehmen wichtiger denn je.

Hannes Ücker steht an einem großen Fermentationskessel, der fast aussieht wie ein Braukessel. Tatsächlich zieht der 20-Jährige eine sterile Probe und analysiert dann mit einem speziellen Gerät die Gesamtzellzahl und deren Vitalität in der Diagnostikproduktion des Pharmariesen Roche in Penzberg. Dass er einmal eine Ausbildung zum Chemielaboranten machen würde, hätte Ücker vor ein paar Jahren niemals gedacht. „Roche kannte ich nur vom Hörensagen“, erinnert er sich. Nur dank einer Bildungspartnerschaft des Unternehmens entdeckte er sein Interesse an dem Beruf, den er heute lernt. Der Standort Penzberg des Schweizer Gesundheitskonzerns ist einer der großen Ausbilder im Münchner Umland – speziell im naturwissenschaftlich-technischen Bereich.

Jedes Jahr starten hier rund 100 Auszubildende ins Berufsleben, beispielsweise als Biologielaborant, Chemikant oder Chemielaborant. „Rund 70 Prozent der Bewerber der Ausbildungs- und Studiengänge kommen aus unseren Partnerschulen“, berichtet Andreas Gebbert, Leiter der Ausbildung in Penzberg. „Mit vertretbarem Aufwand können wir über unser Schulpartnerschaftsmodell sehr viel erreichen“, erklärt er. Einen interessanten Beruf zu finden ist das wichtigste persönliche Ziel von Schülern. Dies zeigt eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Vodafone Stiftung. Allerdings fällt die Wahl vielen von ihnen eher schwer. Nur gut die Hälfte fühle sich über die beruflichen Möglichkeiten ausreichend informiert, so die Studie. Bei wenigen Jugendlichen seien die Vorstellungen davon, was sie später einmal machen wollen, konkret. Authentische und praxisnahe Informationen zur Berufsorientierung fänden die meisten weder im Internet noch beim Arbeitsamt. Nach Ansicht der Schüler helfen bei der Orientierung besonders Praktika, Informationstage von Unternehmen und Gespräche mit Menschen, die die gleiche Ausbildung gemacht haben.

Und genau da setzen Bildungspartnerschaften zwischen Schulen und Wirtschaft an. So arbeitet Roche mit 24 Schulen zusammen. „Wir pflegen diese Partnerschaften schon seit über zehn Jahren. Unsere Kooperationsschulen – von Mittelschule bis Gymnasium – sind in 13 Gemeinden rund um Penzberg verteilt“, erklärt Ausbildungsleiter Gebbert. Das Unternehmen bietet in Absprache mit den Schulen viertägige Schnupperlehren für Realschüler, einen Tag der offenen Tür, berufskundliche Werksführungen, Bewerbertrainings und Vorträge direkt im Klassenzimmer. Die Führungen und Vorträge halten dabei fast immer die aktiven Auszubildenden selbst. „Das ist ein entscheidender Punkt, denn die Schüler und unsere Azubis begegnen sich auf Augenhöhe, sprechen die gleiche Sprache und können sich so viel besser austauschen und motivieren“, betont Christian Zachenhuber, der bei Roche für die Schulpartnerschaften verantwortlich ist. Dies hat ihm dort den Spitznamen „Außenminister“ eingebracht. Außerdem hilft Roche über kleinere Materialspenden, Schulen besser auszustatten. So landen Mikroskope, Magnetrührer oder Bechergläser, die im Werk nicht mehr benötigt werden, in Schullaboren und können dort weiter genutzt werden. Neben Schülern können sich auch Lehrkräfte bei Roche in Penzberg über Hospitationen weiterbilden. „Dieses Angebot nutzen derzeit viele Lehramtsstudenten. Wenn unser neues Ausbildungszentrum nächstes Jahr fertig ist, haben wir die Möglichkeit, in einem Mehrzwecklabor auch Schnuppertage für ganze Schulklassen anzubieten“, freut sich Gebbert. In diesem Jahr bekommen die rund 300 Azubis am Standort ein neues Ausbildungszentrum – das größte biotechnologische Ausbildungszentrum Bayerns und eines der größten in Deutschland.

Roche sucht den Kontakt zu den Schulen eigenständig und auf direktem Weg. Bei Tretter-Schuhe gab die IHK für München und Oberbayern den entscheidenden Anstoß für eine Bildungspartnerschaft. Vor etwas mehr als einem Jahr unterzeichneten das Münchner Schuhhaus und die Mittelschule an der Ridlerstraße in München eine offizielle Vereinbarung über ihre Zusammenarbeit. An diesem Tag ging die Mittelschule auch mit zwei weiteren Unternehmen eine Partnerschaft ein – der Henne-Unimog GmbH und der Blue GmbH. Dadurch bekommen die Schüler einen noch breiteren Einblick in die Arbeitswelt und gleichzeitig Hilfe bei der Berufsorientierung. Die Kontaktvermittlung zwischen der Schule und den drei Unternehmen sowie die Organisation eines Arbeitsgesprächs vorab übernahm die IHK. Diese verfügt über einen Pool an interessierten Schulen und Unternehmen, die sie berät und vermittelt. Sie hat bereits 60 Kooperationen erfolgreich angestoßen.

„Vor allem für kleinere Unternehmen ist die Unterstützung der IHK eine große Erleichterung“, betont Ulrike Scheiner, Leiterin der Ausbildungsabteilung bei Tretter-Schuhe. Den Aufwand, eine Bildungspartnerschaft selbst zu initiieren, könnten diese alleine meist gar nicht leisten. „Auch der Erfahrungsaustausch unter den Betrieben, der so zu Stande kommt, ist für uns sehr interessant“, so Scheiner. Das Schuhhaus bietet jedes Jahr mindestens 15 Ausbildungsplätze an, unter anderem für Verkäufer, Handelsfachwirte und Einzelhandelskaufleute. Aktionen im Rahmen der Partnerschaft sind Informationsabende für Eltern, Bewerbungstrainings und Betriebsbesichtigungen. Neben der Bildungspartnerschaft beteiligt sich Tretter-Schuhe auch an anderen Aktionen, um den Kontakt zwischen Schule und Wirtschaft zu intensivieren, so zum Beispiel beim Arbeitskreis Schule Wirtschaft und beim Job-Mentoring, einem Projekt der Bürgerstiftung München. Viele Schulen sind sehr aufgeschlossen, wenn es um die Zusammenarbeit mit Unternehmen geht.

Für den Lehrer und Berufsorientierungsbeauftragen Klaus Förster der Realschule Weilheim besitzen Bildungspartnerschaften zahlreiche Vorteile: „Durch den direkten Kontakt zur Wirtschaft erfahren wir Lehrer, was die Unternehmen von uns erwarten, und die Schüler lernen aus erster Hand, welche Anforderungen an sie gestellt werden.“ Letzteres könnten Lehrkräfte noch so oft zu vermitteln versuchen. „Wenn das ein Personaler oder Azubi sagt, hat es einfach viel mehr Gewicht“, weiß Förster. Er freut sich deshalb besonders, wenn ehemalige Schüler in Sachen Berufsbildung an ihre Schule zurückkommen – so wie Roche-Azubi Ücker. Der angehende Chemielaborant ist inzwischen als Ausbildungsscout an seiner ehemaligen Schule unterwegs, um Fragen der Schüler zu Beruf und Ausbildung zu beantworten. Wie es für ihn beruflich weitergeht, weiß Ücker schon: Er wird nach seiner Ausbildung bei Roche in der Zellfermentation der Diagnostik-Produktion übernommen.

 © Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 01/2017 des IHK-Magazins für München und Oberbayern erschienen. Die Autorin des Artikels ist Christina Schneider.

Tags: Deutschland, Career Blog