Mit Ärzten auf Augenhöhe

Die medizinisch-wissenschaftliche Kooperation zwischen Pharmaindustrie und Ärzteschaft gewinnt in jüngster Zeit zunehmend an Bedeutung. Bei der Roche Pharma AG wurde dafür die Position des Medical Science Liaison Managers geschaffen. Das Team ist für die wissenschaftliche Kommunikation mit den behandelnden Ärzten zuständig und wird organisiert von Dr. Doris Schwindt. Im Interview berichtet die Medizinerin über Ansatz, Erfolge und ihren eigenen Werdegang.

Frau Dr. Schwindt, was sind aktuell Ihre Aufgaben bei Roche?

Ich organisiere und leite die Medical Science Liaison Manager, kurz MSLs. Das Medical Science Liaison Team existiert seit drei Jahren und ist für die wissenschaftliche Kommunikation über unsere Produkte und Medikamentenstudien mit den behandelnden Ärzten verantwortlich. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse und Einsichten sollen für Roche urbar gemacht werden, so dass die Weiterentwicklung der Medikamente davon profitieren kann. Die Diskussion mit den Ärzten geschieht ohne kommerzielles Interesse und ist folglich non-promotional.

Erläutern Sie uns doch einmal die Vorteile dieser Zusammenarbeit.

Die Unterstützung von Studienprogrammen durch Dialog und Aufklärung gehört zur Kernaufgabe der MSLs. Es geht darum, den Ärzten den Nutzen unserer Studien entsprechend zu kommunizieren und ihnen deren Sinn zu verdeutlichen. Darüber hinaus gilt es, zu informieren, warum und welche Patienten für die jeweiligen Studien rekrutiert werden sollen. Von der Vernetzung des Unternehmens mit den behandelnden Ärzten über die MSLs profitieren alle beteiligten Parteien. Es ist für uns außerdem wichtig, bereits publizierte Daten zu diskutieren und deren Einschätzung zu verstehen.

Wie sah Ihr Werdegang innerhalb des Unternehmens aus?

Ich bin hier zunächst in die Medizin gegangen, dann auch ins Marketing und das Team für frühe Produktentwicklung und in den Außendienst. Dabei habe ich viele Stationen hier bei Roche durchlaufen und kennengelernt. Ich kommuniziere und arbeite sehr gern mit Menschen, bin aber auch analytisch. Ganz wichtig ist es für mich, Ergebnisse zur Anwendung zu bringen und nicht nur theoretisch zu arbeiten. Auch vor meiner jetzigen Tätigkeit habe ich Teams geleitet. Als Marketing-Leiterin war ich für Product Manager und Assistenzen als Außendienstleiterin unserer Fachreferenten verantwortlich. Nach der Außendienstkoordiantion bin ich dann Leiterin der Medical Science Liaison Manager geworden. Ich schätze es, wenn meine Mitarbeiter unterschiedliche Kompetenzen mitbringen, die sich im Team ergänzen. Die MSL haben hohe Expertise, bringen einen medizinisch-naturwissenschaftlichen Hintergrund und meist mehrjährige Erfahrungen mit klinischer Medikamentenentwicklung mit.

Das ist nicht der typische Werdegang, wenn man Medizin studiert. Wie verlief denn ihre Ausbildung?

Ich habe erst Medizin in Gießen studiert und dann meine weitere Ausbildung und Promotion in der Dermatologie an der RWTH Aachen und an der University of California San Francisco absolviert.

Was hat Sie ursprünglich zu Ihrer Studienwahl bewogen?

Motiviert hat mich das Interesse am Menschen. Vom Patienten bin ich jetzt zwar ein Stückchen weg, aber substituiere das dadurch, dass ich mit den Patienten nun mittelbar über die Entwicklung der Medikamente in Berührung komme.

Wie kamen Sie schließlich in die Pharmabranche und insbesondere zu Roche?

Die ersten beruflichen Schritte nach dem Studium in Aachenhaben mich in die Pharmabranche geführt. Das ist jetzt über 15 Jahre her. In den USA lernte ich die Interaktionen der Kliniken mit der pharmazeutischen Industrie kennen. Alle meine Kollegen dort hatten Projekte, die in die Pharmaindustrie hineinreichten. Mein damaliger Doktorvater in den USA hatte außerdem weitreichende Erfahrungen und Kontakte, sodass für mich die Branche als mögliches Aufgabenfeld naheliegend war. Ich habe dann bewusst die Fühler ausgestreckt und mich breit beworben, indem ich Research Institute anschrieb und verschiedene Konzerne, darunter eben auch Roche Pharma. Ich bekam dann gleich viele Angebote – und das von Roche war am attraktivsten.

Was gefällt Ihnen denn besonders gut bei Roche?

Mir gefallen das breite Aufgabenfeld und die Gestaltungsmöglichkeiten. Der Klinikbetrieb schien mir damals, gerade auch nach der Erfahrung in den USA, relativ eng und hierarchisch. Die Pharmaindustrie ist besonders vielseitig und eröffnet einem entsprechende Möglichkeiten: sei es in Forschung und Entwicklung, sei es in Produktion, Marketing oder Vertrieb. Das Arbeiten in einem Wirtschaftsunternehmen, das einem solche Freiräume schafft, schien mir sehr reizvoll. Entscheidend aber ist immer: Kann man sich mit dem Unternehmen und seinen Medikamenten identifizieren? Das ist für mich bei Roche unbedingt gegeben.

Was bietet das Unternehmen Ihnen noch, auch in Hinblick auf Ihre persönliche Weiterentwicklung?

Roche ist ein Unternehmen, dem die Entwicklung seiner Mitarbeiter wichtig ist; das kann eine Karriere im Unternehmen sein oder eine Entwicklung ,on the job’. Roche fördert Mitarbeiter, die sich entwickeln wollen, Potenzial haben und offen sind für Veränderungen. Es ist selbstverständlich auch möglich, eine Karriere bei Roche anzufangen, etwa in Drug Safety und dort viele Jahre lang zu bleiben. Ferner haben wir gerade bei Roche einen sehr hohen ethischen Anspruch, dem wir gerecht werden müssen. Wir haben eine Vision und der ist jeder Mitarbeiter verpflichtet. Die heißt: ,Doing now what patients need next.’ Wir arbeiten hier, um dem Patienten Nutzen zu bringen. Das ist unser Anspruch.

Noch einmal zurück zu den Medical Science Liaison Managers, den MSLs. Die scheinen ja eine neue Entwicklung darzustellen. Was genau ist deren Funktion?

Der MSL ist medizinisch-wissenschaftlicher Ansprechpartner für den Arzt und Experten. Er konzentriert sich auf ein Therapiegebiet und überblickt dabei alle Medikamente. Er beantwortet dabei Fragen zu Wirksamkeit und Sicherheit unserer Medikamente, insbesondere aber zu unseren Neuentwicklungen. Er diskutiert neu publizierte Daten und überblickt unser klinisches Studienprogramm. Der MSL ist auch erster Ansprechpartner, wenn es um die Diskussion von Forschungsprojekten geht. Der MSL arbeitet dabei draußen vor Ort, also im Feld. Er ist aber nicht nur für ein einzelnes Produkt zuständig, sondern überblickt das gesamte Portfolio innerhalb eines Einsatzbereiches. Gegen Brustkrebs zum Beispiel können es vier Medikamente sein. Der MSL kennt das Profil all dieser Produkte und weiß zudem, was darüber hinaus in der Entwicklung ist.

Die MSLs stehen also im laufenden Kontakt mit den jeweiligen Ärzten. Was ist dabei der Nutzen für Ihr Unternehmen?

Wir sehen einen Mehrwert darin, dass unsere Medikamente korrekt und sicher eingesetzt werden. Darüber hinaus ist es uns wichtig, uns das durch die Tiefe der Gespräche entstehende Wissen zugänglich zu machen. Außerdem ist es wichtig, dass Studienärzte die Rationale für unsere Studien verstehen und genaue Kenntnis zu den Prüfsubstanzen erlangen.

Müssen die MSLs manchmal auch davor schützen, dass Ärzte Medikamente zu früh oder falsch einsetzen?

Aufklärung ist selbstverständlich ein wichtiges Thema. Wenn es Patienten sehr schlecht geht, entstehen verzweifelte Situationen, in denen die Ärzte fragen: ,Welches Medikament könnte meinem Patienten noch helfen? Gibt es Daten dazu und wurde es schon mal getestet?’ Als wir beim Medikament Herceptin sahen, wie gut es bei Brustkrebs wirkt, bekam ich Anrufe, in denen gefragt wurde, ob es auch Daten zum Einsatz beim Ovarialkarzinom gäbe. Dann musste ich erklären, dass es noch nicht in einer Zulassungsstudie geprüft worden ist und darauf aufmerksam machen, dass es von uns eben nicht dafür entwickelt und von den Behörden auch nicht freigegeben wurde. Unsere Aufgabe ist es in solchen Fällen, zu sagen: ,Für dieses Krankheitsbild bitte nicht. Es gibt für den Anwendungsbereich noch keine Daten.’

Und das Programm ist ein Erfolg?

Die MSL-Organisation besteht bei uns jetzt seit knapp drei Jahren und wir sehen, dass die Ärzte zufrieden sind mit dem vermittelten Wissen. Vor Kurzem wurden Ärzte befragt, wie sie den Nutzen eines MSLs für sich einschätzen und wie erkenntnisreich diese Gespräche sind. Wir haben sehr positives Feedback bekommen und sehen uns auf einem guten Weg, gerade in der Onkologie, in der der Informationsfluss von sehr großer Bedeutung ist. Auf Grund der innovativen Natur der Medical Science Liaison Manager ist es für uns wichtig, dass Ärzte verstehen, welche Funktion die MSLs haben. Schließlich stellen sie ein relativ neues Berufsbild dar.

Grenzach, der Hauptsitz von Roche in Deutschland, ist nicht gerade eine Metropole. Wie lebt es sich eigentlich für Sie in der Region?

Ich habe mal auf einem Schild gelesen, dass Grenzach im Herzen Europas liege. Da musste ich erst einmal lachen, aber es stimmt wirklich. Man kommt von hier ganz schnell nach Italien, in die Schweiz, ins Elsass oder in den Schwarzwald. Basel, Zürich und Freiburg liegen in direkter Nähe und auch die Skigebiete sind höchstens eine Stunde entfernt. Ich bin inzwischen zweifache Mutter. Das ist mit meiner Tätigkeit vereinbar, da es hier familienfreundliche Arbeitsmodelle gibt. Ich habe zum Beispiel, nachdem meine Kinder zur Welt gekommen sind, nur drei Tage in der Woche gearbeitet, diese aber ganztägig. Bei Kundenbesuchen und auswärtigen Veranstaltungen ist das einfach vorteilhafter. Außerdem ist Home-Office bei Roche eine Option. Das kann alles sehr gut mit dem Team gelöst und abgesprochen werden.

Sie haben ganz offensichtlich Ihre Entscheidung, in die Pharmabranche zu gehen, nicht bereut ...

Meine Aufgaben sind sehr erfüllend und ich hatte immer viele Gelegenheiten, mich selbst und meine Ideen zu verwirklichen. Ich hatte das Glück, immer in der Entwicklung von Medikamenten arbeiten zu können, die in ihrer Art herausragend waren oder einen außergewöhnlichen Ansatz hatten. Es ist spannend für mich, diese bis hin zu ihrer Zulassung begleiten zu können und den großen Nutzen zu erleben, den wir den Patienten mit unseren Produkten bringen. Hier habe ich Entwicklungsmöglichkeiten und Gestaltungsspielraum, kann etwas bewegen und gute Gedanken einbringen. Das ist sicherlich auch ein Teil dessen, was mein Commitment hier bei Roche ausmacht.

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 2/2015 des Magazins arzt & karriere erschienen.

arzt & karriere wird von dem Verlag Evoluzione Media AG herausgegeben.

Tags: Career Blog, Deutschland