Zwischen Medizin, Forschung und Politik

Isabel talking to a man

Hinter das alltägliche Kliniksystem schauen, feste Strukturen und Regeln hinterfragen – das hat Isabel Henkel schon in ihrer Facharztausbildung interessiert. Die Anästhesistin verließ den Klinikalltag, um in der Industrie Karriere zu machen. Bei Roche ist sie heute im Market Access tätig. Sie führt ein Team von 75 Mitarbeitern, das gemeinsam für die Erstattung von Medikamenten im deutschen Gesundheitssystem zuständig ist. Warum es Menschen mit Rückgrat, Kreativität und Innovationskraft braucht, um in diesem Bereich Fuß zu fassen, erklärt Sie Chefredakteur Nicolai Haase, von arzt & karriere.

Guten Tag Frau Henkel, Sie arbeiten im Market Access der Firma Roche. Was machen Sie da genau?

Unser Auftrag ist es, einen Marktzugang für neue Medikamente zu erhalten, um sie den Patienten zugänglich zu machen und eine Erstattung durch das deutsche Gesundheitssystem zu erhalten. Dazu müssen wir zeigen, dass das Medikament einen Zusatznutzen gegenüber bisherigen Therapieverfahren hat. Im Grunde muss das neue Produkt einen größeren Nutzen für die Patienten haben, als die bisher auf dem Markt erhältlichen Produkte.

Können Sie das genauer erläutern?

 Roche hat eine volle Pipeline, sprich, das Unternehmen forscht weltweit an zahlreichen Produkten, die auf dem Weg zur Zulassung sind. Wir schauen uns ein Medikament bereits in der frühen Entwicklungsphase an und geben unsere Einschätzung, ob auf dem deutschen Markt für ein bestimmtes Produkt überhaupt Bedarf besteht und wie man gegebenenfalls einen idealen Marktzugang erreicht. Dafür haben wir eine eigene Abteilung in Market Access und arbeiten eng mit unseren internationalen Kollegen zusammen.

Wollten Sie eigentlich schon immer eine medizinische Laufbahn einschlagen?

 Ja, mir war schon immer klar, dass ich Medizinerin werden möchte. Allerdings habe ich nicht gleich einen Studienplatz erhalten und studierte zunächst ein bisschen Volkswirtschaftslehre, später Biologie sowie Mathe und Physik auf Lehramt – letztlich war ich aber froh, dass die Zusage zum Medizinstudium kam, denn Mathe war schon hart (lacht).

Wie ging es nach Ihrem Medizinstudium weiter?

 Ich habe mein Studium in Berlin beendet und bin dann relativ schnell als Jungassistentin im Bereich Anästhesiologie in der Uniklinik Berlin eingestiegen. Später wechselte ich ins Unfallkrankenhaus, das damals neu eröffnet werden sollte. Dadurch habe ich eine ganz andere Facette der Medizin mitbekommen. Ich habe viel mit den Architekten zusammengesessen. Da ging es dann um Themen, wie die Bau- und Planungsphase des Krankenhauses. Das war für mich als Jungassistentin sehr neu, aber ich habe sofort gemerkt, dass diese paramedizinische Ebene mein Interesse weckt.

Und dann sind Sie Ihrer Neugierde an diesen Themen gefolgt?

Ja, ich habe angefangen, neben meiner Facharztausbildung, Public Health in Berlin zu studieren. In dem Studium sind solche Themen aufgegriffen worden. Wir hatten beispielsweise einen Kurs zu Stadtplanung: Welchen Geräuschpegel oder welche Windverhältnisse müssen Architekten bedenken, wenn sie ein Gebäude für eine junge Familie oder für ein Altersheim bauen? Das fand ich extrem spannend. Im Studium lernte ich auch die gesundheitspolitische Ebene kennen, von der man im Krankenhaus eigentlich keine Ahnung hat. Wer entscheidet was und warum? Zwangsläufig muss man in den Systemsektor einsteigen, um dieses Zusammenspiel begreifen zu können. Und das bot die Industrie zu diesem Zeitpunkt.

Also war das Studium der Grund für ihre Entscheidung, in die Industrie zu gehen und aus dem Klinikbetrieb auszusteigen?

Ich wusste, dass ich das Studium für meinen Karriereweg nutzen wollte, habe aber nach meinem Facharzt erst einmal den Ausstieg-Light gewählt: Ich war zunächst zwei Jahre in der Organspende tätig. Die Arbeit dort hatte bereits eine organisatorische Systemkomponente, sprich, ich betreute zwar immer noch Patienten im Krankenhaus, nahm aber darüber hinaus an Schulungen teil und leistete Aufklärungsarbeit.

Haben Sie eigentlich gern als Ärztin gearbeitet?

Ja, sehr gern und mir hat damals eigentlich nie etwas gefehlt. Mir blieb zwar im Klinikbetrieb wenig Zeit für die Familie und ich hatte viele, viele Nachtdienste, aber trotzdem hätte ich anfangs nie gedacht, den Klinikalltag zu verlassen. Erst mit dem Studium und den Erfahrungen im Unfallkrankenhaus kam der Gedanke: Es muss noch etwas anderes geben. Ich möchte hinter den Alltag des Kliniksystems schauen.

Sie sind dann in der Industrie viele Stationen durchlaufen. Von der Firma Grünenthal über Johnson und Johnson bis hinzu Grifols – was war der Impuls, zu sagen: Jetzt Roche?

 Ich mag neue Herausforderungen und finde das Produktportfolio von Roche beeindruckend und innovativ. Zudem finde ich, dass das Unternehmen die richtigen Therapieansätze hat. Im Bereich Market Access sind wir daran beteiligt, diese Ansätze für die Patienten zugänglich zu machen und daran wollte ich mitwirken.

Stichwort Produktpalette: Ist Roche eigentlich eine rein onkologisch ausgerichete Firma?

Nein, wir forschen sehr vielseitig. Dazu gehören beispielsweise Bluterkrankheiten – momentan beantragen wir auch die Zulassung für ein Produkt für Multiple Sklerose-Patienten. Wir sind in der Dermatologie, Augenheilkunde sowie der Alzheimerforschung tätig und befassen uns mit weiteren neurologischen Erkrankungen.

Aus welchen Abteilungen besteht eigentlich der Bereich Market Access?

 Wie bereits erwähnt, haben wir eine eigene Abteilung für unsere Pipeline, eine Pricing-Abteilung, die sich zum Beispiel mit folgenden Fragen befasst: Was ist ein adäquater Marktpreis? Wie sieht es mit Mitbewerbern aus? Zudem haben wir eine zuständige Abteilung für Nutzenbewertungen, die wir einreichen müssen, um den Zusatznutzen darzustellen und den Vorteil gegen- über bisherigen Therapieverfahren nachzuweisen. Und dann gibt es die Abteilung Stakeholder-Management, die sich um die Beziehung zu unseren Ansprechpartnern kümmert. Dazu gehören Experten aus der medizinischen Forschung, aber auch der Gesundheitspolitik. Wie können wir Gesundheitsversorgung idealer gestalten? Wie können Krankenkassen, Politik und die Industrie am besten zusammenarbeiten? Könnte man auch sagen, Ihre Abteilung ist ein Bindeglied zwischen den Forschern und der Politik? Ich würde eher sagen, wir übersetzen die Auflagen, die vom Gesundheitssystem gefordert werden, in die Sprache des klinischen Entwicklers und können so die Richtung des Studiendesigns mitgestalten. Das ist sehr wichtig, denn ein Wirkstoff kann noch so klasse sein – wenn eine falsche Studie aufgesetzt wird, können wir das Medikament am Ende nicht auf den Markt bringen. Im Grunde genommen versuchen wir in all den klassischen Prozessen der klinischen Forschung die Kriterien des Gesundheitssystems einfließen zu lassen, um den Prozess erfolgreich zu gestalten. Dabei bewegen wir uns zwischen vielen verschiedenen Fragen und Perspektiven: Was will der Markt? Was wollen die Fachgesellschaften? Was möchte die Politik? Wie sind gerade die Markttendenzen? Wie sind die gesundheitspolitischen Richtlinien?

Haben Sie eine Erfolgsstory für uns?

Ich erzähle Ihnen einfach mal, was heute passiert ist. Wir hatten jüngst durch den gemeinsamen Bundesausschuss ein Produkt in der Bewertung. Wir haben natürlich versucht, alle Kriterien für das Produkt zu erfüllen, dennoch war der Ausschuss nicht zu 100 Prozent überzeugt. Da wir dieses Produkt jedoch unbedingt zur Zulassung bringen wollten, reichten wir in enger Abstimmung mit dem Gemeinsamen Bundesausschuss Daten nach – und konnten so überzeugen. Heute erhielten wir die Nachricht, dass wir den Zusatznutzen bekommen. Hier sieht man, wie die Systeme erfolgreich zusammenarbeiten. Dabei geht es wirklich um die Patienten und wir in der Firma fiebern bei solchen Entscheidungen immer mit.

Diese Geschichte passt auf jeden Fall nicht ins mediale Bild der „bösen Pharmakonzerne“.

Nein, und dieses Image ist auch so pauschal falsch. Wenn wir in unseren Entwicklungsfeldern ein Molekül sehen, das eine Erkrankung heilen kann, und sei sie noch so selten, dann ist es durchaus unser Bestreben, dieses Produkt nicht fallen zu lassen – nur weil es wenigen Patienten helfen könnte. Dafür haben wir eine so große Pipeline, dass wir die Kosten wahrscheinlich auffangen können und diese Investition tätigen, um den Patienten zu helfen. Ich denke, diese Firmenphilosophie ist überzeugend.

Sie beschäftigen sich in Ihrem Bereich mit Erstattungsprozessen, Ökonomie, dem Gesundheitssystem und der Politik. Welche Mitarbeiter suchen Sie dafür?

 Man muss sich in unterschiedliche, komplexe Strukturen eindenken und sich in andere Sichtweisen einfühlen können. Was wir zudem suchen, sind Menschen mit Rückgrat. Wenn man alleine mit einem Krankenkassenchef oder Politiker redet, muss man in der Lage sein, die Firma und seinen eigenen Standpunkt vertreten zu können. Wir arbeiten hier oft im Team, aber es gibt auch immer Situationen, in denen wir als Einzelkämpfer unterwegs sind. Roche ist eine sogenannte Matrix-Organisation, das heißt, keine typisch hierarchisch geprägte Firma mit starren Arbeitsbereichen. Der Einzelne hat sehr viele Freiheiten und seine eigenen Verantwortungsbereiche, die er aber auch selbstbewusst vertreten sollte.

Welche Skills brauchen Bewerber darüber hinaus?

 Wir suchen Ärzte, idealerweise mit klinischer Erfahrung. Erfahrungen in Market Access sind nicht wichtig, denn das können wir den Einsteigern beibringen. Uns ist wichtig, dass die Bewerber eine Persönlichkeit haben, denn wir suchen Leute mit Ecken und Kanten. Menschen mit sogenannten Softskills – die kreativ und innovativ sind und die bereit sind, neue Wege zu gehen und für etwas zu kämpfen. Wenn ich jetzt in der Filmbranche wäre, würde ich sagen, ich brauche einen Charakterdarsteller.

Haben Sie die Entscheidung, in die Industrie zu gehen, je bereut?

 Das ist eine Frage, die mir auch viele meiner ehemaligen Kollegen stellen. Ich bin jetzt ziemlich lange in der Industrie tätig und ich kann heute aus Überzeugung sagen: Die Industrie ist extrem spannend und es gibt so viel mehr Entwicklungsmöglichkeiten, als im klassischen klinischen Betrieb. Vor allem nach der Facharztausbildung, wenn der Lerneffekt irgendwann gegen null geht, schleicht sich eine gewisse Routine im Berufsalltag ein. Diesen Punkt habe ich in der Industrie noch nie erreicht.

Isabel Henkel ist Head of Market Access bei der Roche Pharma AG in Grenzach-Wyhlen. Zuvor war sie unter anderem als Director International Market Access bei der Firma Grifols sowie als Director Market Access undReimbursement bei Johnson&Johnson tätig. Ihr medizinisches Studium absolvierte sie an der Freien Universität Berlin.

Roche Pharma AG Trainee-Programm: Management Start Up Market Access

Für das Trainee-Programm „Management Start Up (MSU) Program Market Access“ sucht die Roche Pharma AG Absolventen, die ihr Masterstudium in Medizin, Betriebswirtschaftslehre, Naturwissenschaften oder Pharmazie mit sehr guten Ergebnissen abgeschlossen haben. Im Rahmen des 24-monatigen Trainee-Programms durchlaufen die Trainees verschiedene Tätigkeitsbereiche der Roche Pharma AG. Dazu gehören die Bereiche Strategic Pricing & Reimbursement, Payer Strategy, Pipeline Product Strategy und HTA & Value Strategy. Während des „Management Start Up Program Market Access“ steht den Teilnehmern eine erfahrene Führungskraft als Mentor zur Seite. Zusätzlich dienen verschiedene Weiterbildungsangebote des Learning & Organizational Development der fachspezifischen und persönlichen Weiterentwicklung der Trainees. Diese bereichs- und standortübergreifende Ausbildung bereitet die Trainees auf eine spätere Führungsposition bei der Roche Pharma AG vor. Weitere Einstiegsmöglichkeiten bei Roche und aktuelle Stellenausschreibungen unter Roche.com/de/careers


 © Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 2/2016 des Magazins arzt & karriere erschienen. arzt & karriere wird von dem Verlag Evoluzione Media AG herausgegeben.

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