Als Mediziner in die Pharmaindustrie?

Klinische Studien managen anstatt Patienten zu behandeln? Ja, sagen zwei Mitarbeiter der Roche Pharma AG in Grenzach.

Seit 1896 erforscht und entwickelt Roche neue Medikamente und Diagnoseverfahren. Daran sind international über 90.000 Mitarbeitende aus den verschiedenen Konzernbereichen beteiligt. Dr. Claudia Jenneck und Dr. Severin Pinilla sind Teil davon. Statt des Klinikalltags wählten sie den Weg in die Industrie und lernten bei ihrem Einstieg die medizinisch-wissenschaftlichen Abteilungen des Pharmakonzerns kennen. arzt&karriere traf die Mediziner am Pharmastandort in Grenzach und sprach über ihre Anfangszeit und Aufgabenbereiche in einem der größten Pharmaunternehmen der Welt.

Herr Pinilla, Frau Jenneck, wie sind Sie beide denn zu Roche gekommen?

Claudia Jenneck: Ich habe bereits 2007 als Trainee im Start Up Medical Functions Programm bei Roche angefangen. Seit 2006 bietet der Konzern das Programm an. Damit war ich eine der ersten Trainees.

Severin Pinilla: Ich bin frisch bei Roche und absolviere derzeit dasselbe Programm im zehnten Monat. Insgesamt dauert es zwei Jahre. Man durchläuft dabei verschiedene Abteilungen des Unternehmens. Alle zwei bis vier Monate wechselt der Tätigkeitsbereich. Dort lernen die Trainees die Struktur- und Arbeitsweise kennen. In den letzten sechs Monaten gibt es eine Vertiefungsphase in dem Tätigkeitsfeld, welches den Trainee am meisten interessiert.

Um für das Programm zugelassen zu werden, benötigt man mindestens einen Masterabschluss. Haben Sie sich direkt nach dem Studium beworben?

Severin Pinilla: Nein, ich war zuletzt während meiner Facharztausbildung eineinhalb Jahre auf einer Intensivstation in München, die auf Neurologie spezialisiert war. Über eine Karrieremesse bin ich dann zu Roche gelangt. Das vorgestellte Programm hat mich direkt überzeugt.

Claudia Jenneck: Ich habe in Bonn, Zürich und Valencia Medizin studiert und danach anderthalb Jahre als Assistenzärztin gearbeitet. Anschließend bin ich über eine kleine CRO nach Grenzach zu Roche gekommen. Zur Erklärung: Contract Research Organisations sind Auftragsforschungsinstitute, die von größeren Unternehmen wie Roche Aufgaben im Rahmen von klinischen Studien übernehmen.

Wie kam es zu der Entscheidung in die Industrie zu gehen? Sie hätten auch eine Karriere in der Klinik anstreben können...

Severin Pinilla: Ich habe bereits während der Studienzeit experimentell promoviert, und mir für die Zeit im Labor zwei Forschungssemester zusätzlich genommen. Später als Assistenzarzt wollte ich wissen, wie die Medikamente, mit denen man sich täglich beschäftigt, entwickelt werden und zum Patienten kommen. Es ist spannend, einen Beitrag zu neuen Medikamenten und Therapieverfahren zu leisten – vor allem in Gebieten, in denen es noch keine Behandlung gibt. Dazu ein Beispiel, das speziell für mich mit neurologischem Hintergrund interessant ist: Weltweit sind 2,3 Millionen Menschen von Multipler Sklerose betroffen. Bei der Krankheit gibt es bestimmte Unterformen, zu denen es keine zugelassene Therapie gibt. Roche ist es erstmals gelungen ein Medikament dafür zu entwickeln.

Claudia Jenneck: Ich habe keine Facharztausbildung gemacht, weil ich schon zu meiner Studienzeit wusste, dass ich keine reine Klinikerin werden will. Für die pharmazeutische Industrie habe ich mich entschieden, da sich hier gerade für Ärzte ein breites Spektrum an Einsatz- und Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Die Gestaltungsspielräume sind hier einfach größer. Auch die Möglichkeit in einem internationalen Umfeld tätig zu sein, war für mich ausschlaggebend. Zudem habe ich die Arbeitskultur in einigen Kliniken als recht hierarchisch erlebt. Das ist bei Roche anders.

Severin Pinilla: Ja, ich kenne in meinem Bekanntenkreis auch einige, die von dem kräftezehrenden Klinikalltag abgeschreckt sind. Starre Strukturen, Abhängigkeit oder das Nichtvorhandensein einer Fehler- und Feedbackkultur tragen manchmal auch zur Wechselbereitschaft bei.

Herr Pinilla, Sie sind im zehnten Monat des Programms. Was machen Sie aktuell?

Severin Pinilla: Derzeit bin ich in der Abteilung für Clinical Operations, sprich dem Bereich, der sämtliche klinische Studien in Deutschland betreut – von der Einreichung bei den Behörden bis zum Abschluss.

Welche Abteilungen haben Sie noch im Rahmen des Programms kennengelernt?

Severin Pinilla: Als erstes war ich bei Medical Information. Das ist quasi die Schnittstelle zwischen Roche und allen Personen, die Kontakt mit unseren Produkten haben. Wir arbeiten dort als medizinisch-wissenschaftlicher Informationsdienst. Anschließend kam ich in die Zulassungsabteilung, die sich mit allen behördlichen Vorgaben und Richtlinien beschäftigt. Dort wird sichergestellt, dass die Medikamente, basierend auf den nationalen und EU-rechtlichen Vorgaben, auf dem deutschen Markt vertrieben werden dürfen. Neben weiteren Abteilungen werde ich den Bereich Finance kennenlernen, der für die meisten Mediziner Neuland ist. Man wird dort zum Beispiel mit Controlling- Aufgaben und Budgetverantwortung konfrontiert.

Claudia Jenneck: Seit meinem Einstieg vor neun Jahren sind einige Abteilungen hinzugekommen. Zudem sind die Bereiche inzwischen sehr gut auf die Trainees eingestellt. Teilweise werden in den Abteilungen im Vorfeld spannende Projekte für die Trainees reserviert. Gleichzeitig findet eine gute Einbindung ins Tagesgeschäft statt. Trainees werden hier als vollwertige Mitarbeitende angesehen. Das Programm ist meiner Meinung nach eine große Chance, einen Einblick in die Branche zu bekommen. Man versteht da erst: Was heißt das denn überhaupt ,Medical Manager’? Wenn solche Stellen in der Zeitung ausgeschrieben werden, weiß man als Mediziner gar nicht wirklich, was sich dahinter verbirgt.

Frau Jenneck, in welchen Bereich sind Sie jetzt tätig?

C:laudia Jenneck: Seit über vier Jahren arbeite ich als Medical Information Specialist im medizinisch-wissenschaftlichen Informationsdienst. Unsere Aufgabe ist es, Ärzten, Apothekern aber auch Patienten die Informationen zur Verfügung zu stellen, die sie für die fachgerechte und sichere Anwendung unserer Arzneimittel benötigen. Wir betreuen die gesamte Roche-Produktpalette, also über 40 Produkte in unterschiedlichen therapeutischen Gebieten. Das macht die Arbeit sehr abwechslungsreich – und man lernt ständig dazu. Bei der Beantwortung der Anfragen nutzen wir sämtliche Kommunikationskanäle, hauptsächlich jedoch das Telefon.

Ist es nicht anstrengend den ganzen Tag Kunden am Telefon zu beraten?

Claudia Jenneck: Ach, ich telefoniere eigentlich ganz gerne. Nein, im Ernst: der telefonische Kontakt zu den Kunden, das heißt Ärzte, Apotheker und Patienten, gehört ganz klar zu unserem Arbeitsalltag, aber das ist nur ein Teil unseres Aufgabenspektrums. Häufig müssen zur Beantwortung der Fragen Informationen zunächst recherchiert, gesichtet und zusammengeführt werden, oder es muss eine schriftliche Antwort erstellt werden. Hierbei ist dann meine ganze ärztliche Expertise gefragt. Ich bin sehr froh, daß ich bei dieser Tätigkeit auch den Kontakt zu den Patienten halten kann. Dabei wird mir immer wieder klar, für wen wir unsere Arbeit letztlich machen. Wir haben bei Roche die Vision: „Doing now what Patients need next.“ Das heißt, wir arbeiten jetzt und heute daran, was dem Patienten morgen von großem Nutzen sein kann. Und dieses Motto habe ich immer vor Augen, wenn ich mit Patienten telefoniere.

Mit welchen Fragen treten die Kunden an Sie heran?

Severin Pinilla: Bei mir erkundigten sich beispielsweise Apotheker und Ärzte zu klinischen Datenübersichten bei speziellen Patientengruppen. Wir stellen diese Informationen dann über die Datenbanken von Roche bereit. Im Alltag haben die Apotheker und Ärzte ja wenig Zeit eine ganze Literaturrecherche zu betreiben.

Claudia Jenneck: Neben theoretisch wissenschaftlichen Fragstellungen umfasst das Fragenspektrum in erster Linie solche Dinge, die sich im ärztlichen oder pharmazeutischen Alltag bei der Anwendung unserer Produkte ergeben können. Aber wir haben wie gesagt auch Kontakt zu Patienten. Diese fragen häufig nach Nebenwirkungen oder der korrekten Anwendung unserer Präparate. Meist können wir hier auf der Basis der Gebrauchsinformation weiterhelfen. Oft verweisen wir jedoch an den behandelnden Arzt zurück, da der Handlungsspielraum bei der Kommunikation mit Patienten aufgrund gesetzlicher Vorgaben deutlich eingeschränkt ist. Dennoch ist es wichtig, daß auch Patienten kompetente Ansprechpartner in den Firmen kontaktieren können.

Herr Pinilla, Sie sind noch nicht auf einen Unternehmensbereich festgelegt. Was gefällt Ihnen bis jetzt besonders an demTrainee-Programm?

Severin Pinilla: Neben dem abteilungsspezifischen Arbeiten gibt es in jedem Programmdurchlauf ein standortübergreifendes Projekt, an dem alle Trainees eines Jahrgangs beteiligt sind. Auf Grundlage eines Pilotprojekts zum Thema Reverse-Mentoring, das sehr gut ankam, hat sich unsere Gruppe entschieden, ein standortumfassendes Konzept für diese Form des Mentoring zu entwickeln. Auf höchster Unternehmensebene, also direkt vor dem Vorstand, haben wir es jüngst vorgestellt. Vor zwei Wochen wurde es genehmigt. Mitte diesen Jahres wird das Projekt gelauncht – mit entsprechendem Budget für 1.300 Mitarbeitende. Im Reverse Mentoring werden traditionelle Rollen getauscht. Der Junior ist Mentor für den Senior im Unternehmen. Über ein Matchingsystem, das sich gerade in der Programmierungsphase befindet, werden die Mentoren und Mentees zusammengeführt. So haben die Se nior-Leadership-Mitarbeiter die Möglichkeit, ihren Führungsstil zu reflektieren. Es ist ein Programm zur Förderung der Feedback- und Speak-up-Culture und auch für ein besseres Verständnis der Gen Y. Das finde ich extrem spannend.

Haben Sie die vielfältigen Möglichkeiten in der Industrie anfangs unterschätzt?

Severin Pinilla: Ja, auf jeden Fall. Das Gebiet der pharmazeutischen Industrie oder forschender Arzneimittelhersteller ist grundsätzlich für Mediziner interessant. In meinem Studium wurde kaum darüber diskutiert. Diese berufliche Option war nicht präsent – weniger aus Vorurteilsgründen, mehr weil darüber auch medial nie berichtet wird. Zudem lernt man unternehmerisches Denken und Handeln nicht im Medizinstudium. Ich war positiv überrascht, wie viele Optionen ich bei Roche als Mediziner sowohl national als auch international habe. Ich kann mir heute vorstellen, noch lange in der Pharmazie zu arbeiten. Als Mediziner hat man auch die luxuriöse Position, zwischen Klinik und Industrie zu wechseln. Es gibt durchaus Ärzte, die da ein Doppelmodell fahren.

Claudia Jenneck: Ich war anfangs überrascht, wie die einzelnen Abteilungen ineinandergreifen und wie jede Abteilung organisiert ist. Zudem hat es mich gefreut, wieviel Wert auf die sogenannten Soft-Skills wie Kommunikationsfähigkeit, Empathie und Loyalität gelegt wird. Bei der täglichen Arbeit spürt man die Offenheit und Ehrlichkeit, mit der sich die Kollegen begegnen.

Gibt es zu Ihrem Job auch negative Stimmen? Sie arbeiten ja in einer Branche, die gesellschaftlich oft in der Kritik steht.

Severin Pinilla: Ja, durchaus und ich finde es manchmal sehr undifferenziert, die Pharmazie generell zu kritisieren und zu sagen: ,Das sind doch alles nur Geschäftemacher.’ Unternehmerisches Denken und Handeln muss mit gesellschaftlicher Verantwortung einhergehen. Das trifft auf unsere Branche besonders zu und das, was ich bisher bei Roche erlebe, entspricht dem. Man darf bei aller Kritik auch nicht vergessen: Roche hat allein 28 Medikamente entwickelt, die jetzt auf der Liste der Essential Medicines der WHO sind. Das wird in der Debatte viel zu oft vergessen!

Frau Jenneck, Sie sind in Bonn aufgewachsen und haben länger in Köln gewohnt. War es schwierig für Sie in die Kleinstadt Grenzach überzusiedeln? Es ist nicht gerade eine Metropole ...

Claudia Jenneck: Stimmt, im Vergleich zu Köln ist das natürlich ein Unterschied. Aber es gibt durchaus Vorteile: Wir befinden uns hier im Dreiländereck und das Elsass ist direkt um die Ecke. Was ich als begeisterte Skifahrerin besonders schätze, ist die Nähe zu den Bergen. Zukünftig kann ich mir aber vorstellen, in die Konzernzentrale nach Basel zu wechseln, um dort länderübergreifend im Bereich Medical Affairs tätig zu sein. Mit dem Trainee-Programm ,Medical Functions’, das Herr Pinilla und ich absolvieren beziehungsweise absolviert haben, ist man für viele Funktionen in der pharmazeutischen Industrie bestens gerüstet.

© Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 1/2016 des Magazins arzt & karriere erschienen. arzt & karriere wird von dem Verlag Evoluzione Media AG herausgegeben.

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