Eigene Grenzen überwinden

Katrin Kühhirt arbeitete ein Jahr lang in einem Waisenhaus in Uganda. Sie passte sich den Bedürfnissen vor Ort an, leistete einen nachhaltigen Beitrag und hat dabei mehr über sich selbst erfahren.

Ich habe schon immer sehr gern Anderen geholfen. Das hat vielleicht mit meiner Kindheit in Ostdeutschland vor dem Mauerfall zu tun.

Meine Eltern haben hart gearbeitet, um mir eine Ausbildung als Apothekerin zu ermöglichen. Nach dem Abschluss wollte ich mich eigentlich bei einem Hilfsprojekt engagieren, statt- dessen nahm ich 2003 eine Tätigkeit bei Roche in Basel, Schweiz, auf.

Dort arbeite ich zurzeit als Quality Site Manager für feste Darreichungsformen und nehme Inspektionen bei Fremdherstellern vor, um die Qualität des Herstellungsprozesses zu gewährleisten.

Meinen Wunsch, humanitäre Arbeit zu leisten, habe ich aber nie aus den Augen verloren. Im Jahr 2013 bekam ich im Rahmen des Roche-Secondment-Programms die Chance, ihn zu verwirklichen. Dieses Programm räumt Roche-Mitarbeitenden, die bestimmte Kriterien erfüllen, die Möglichkeit ein, bis zu einem Jahr an einem Praxisprojekt in einem der ärmsten Länder der Welt mitzuwirken. Mit der Weitergabe ihrer Fähigkeiten leisten sie einen persönlichen Beitrag, der über die übliche finanzielle Unterstützung hinausgeht. Die Teilnehmenden kehren mit wertvollen Erkenntnissen über das Gesundheitswesen in anderen Teilen der Welt zurück.

>28%

von Ugandas Bevölkerung leben mehr als fünf Kilometer von einer Gesundheitseinrichtung entfernt

Ich entschied mich für das Programm von Kids of Africa in Uganda. Diese in der Schweiz ansässige Organisation hat dort eine Schule, eine Farm, einen Gesundheitsstützpunkt sowie zehn Häuser errichtet, in denen Pflegemütter eltern- und obdachlose Kinder betreuen. Ihr Motto lautet «Wir sind eine Familie». Die Kinder wachsen gemeinsam in einer guten Struktur auf und erhalten eine Ausbildung. Mir hat diese Kombination aus Selbsthilfe und Nachhaltigkeit gefallen.

Die ersten Monate in Uganda waren schwer. Die Hitze und die Luftfeuchtigkeit, zum Essen meist Reis, Bohnen und Posho (ein Maisbrei) – all das war für mich neu. Meine geplanten Projekte wurden nicht sofort umgesetzt.

Vier Wochen lang bereitete ich die Kinder für die Schule vor, wusch und kochte, spielte mit ihnen und stand ihnen mit Rat und Tat zur Seite.

Mehrere Kinder begleitete ich auch als Mentorin, darunter Kevin. Er war ein störrischer Junge, der kaum sprach und Blickkontakt vermied. Zunehmend entwickelte sich jedoch eine enge Beziehung. Kevin ist jetzt wie ein Sohn für mich, und wir telefonieren regelmässig.

Das Leben mit den Kindern in Uganda hat mich verändert. Ich bin jetzt anderen Menschen gegenüber aufgeschlossener und gehe offener mit meinen Emotionen um. Bei der Arbeit konzentriere ich mich vermehrt auf das, was wirklich wichtig ist.

Diese Erfahrung hat auch mein Verhältnis zu Roche gestärkt. Ich finde es bemerkenswert, dass ein Unternehmen Mitarbeitende zur Entwicklung ihrer Persönlichkeit für ein ganzes Jahr ins Ausland entsendet, ihnen währenddessen ihr Gehalt zahlt und die Rückkehr an den Arbeitsplatz garantiert.

Meine Projekte wurden nicht sofort umgesetzt. Ein hohes Arbeitstempo in der Schweiz gewohnt, musste ich hier die Langsamkeit erlernen.

Die Mission von Roche besteht darin, innovative Produkte zu entwickeln. Mein Jahr in Uganda hat an diese Philosophie angeknüpft. Indem ich mich um diese Kinder gekümmert habe, konnte ich vielleicht das Leben einzelner verändern; mir hat es neue Sichtweisen eröffnet.

~20%

Ungefähr 20% der Menschen in Uganda Leben von weniger als einem Dollar am Tag

Mit Kindern hatte ich bis dahin noch nicht viel gearbeitet, deshalb war es eine steile Lernkurve. Einmal Fuss gefasst, half ich den älteren Kindern bei ihren Prüfungsvorbereitungen und gab Kurse über Hygiene, Krankheiten, Sexualerziehung und Erste Hilfe.

Viele Kinder konnten nicht gut sehen, deshalb organisierte ich Augenuntersuchungen und sammelte in Europa Geld für Brillen. Es ist erstaunlich, welchen Unterschied allein schon eine Brille für ein Kind darstellen kann.

Ausserdem kamen mir meine beruflichen Erfahrungen zugute. So verbesserte ich beim Kauf und der Lagerung von Arzneimitteln die Abläufe, legte für jedes Kind eine Patientenakte an, richtete ein Krankenrevier ein und stellte Verbandskästen zusammen.

Wenn die Pflegemutter Feierabend hatte, kamen die Kinder mit Verletzungen oft zu mir, um sich ihre Wunden verbinden zu lassen, und ich begleitete sie zum Arzt oder ins Krankenhaus.

Ich finde es bemerkenswert, dass ein Unternehmen Mitarbeitende zur Persönlichkeitsentwicklung für ein Jahr ins Ausland entsendet.

Hierbei trat im Warteraum einmal ein Mädchen an mich heran. Ihr rechter Arm war über dem Ellbogen amputiert, ihr Gesicht war von schweren Brandnarben gezeichnet. Zuerst wollte ich wegschauen, aber sie liess es nicht zu. Lächelnd schaute sie mir in die Augen und führte meine Hand zu ihrem Armstumpf. Dann fuhr sie mit meinen Fingern die Brandnarben auf ihrem Gesicht nach. Es war ein sehr intensiver Moment von Akzeptanz und Liebe. Dieses Mädchen hat mich etwas sehr Wichtiges über Mitmenschlichkeit gelehrt: wie man seine eigenen Grenzen überwindet, um andere Menschen zu erreichen.

Ich finde es bemerkenswert, dass ein Unternehmen Mitarbeitende zur Persönlichkeitsentwicklung für ein Jahr ins Ausland entsendet.

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Eine der grössten Herausforderungen bei Kids of Africa war es, während der Abwesenheit der Pflegemutter für alle zehn Kinder in unserem Haus die Verantwortung zu übernehmen.

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Tags: Zugang zur Gesundheitsversorgung, Philanthropie