Soziale Phobie wird immer wieder zu spät diagnostiziert
Angst kann das Leben zur Hölle machen
Auch wenn die „Soziale Phobie" vermutlich bereits bei
den Griechen der Antike bekannt war, wird die Krankheit noch
heute vielfach nicht diagnostiziert und nach Meinung der Ärzte
in Bezug auf ihre Verbreitung und den Schweregrad deutlich
unterschätzt. Im Mittelpunkt dieser psychischen Störung, unter
der irgendwann einmal in ihrem Leben schätzungsweise etwa
10 bis16 Prozent der Bevölkerung leiden, steht die Vermeidung
bestimmter sozialer Situationen aufgrund von zwanghaften und
übermässig grossen Ängsten. Die Erkrankung kann die Entwicklung
und Karriere der Betroffenen stark behindern und führt in
etwa einem Viertel der Fälle zum Alkoholismus. Phobien werden
wegen der Vielgestaltigkeit ihrer Symptome meist mit einer
Kombination aus Medikament und Psychotherapieverfahren behandelt.
Das Antidepressivum Aurorix von Roche enthält mit Moclobemid
einen Wirkstoff, der für die Verbesserung von Stimmung und
Antrieb der Patienten sorgt. Er hemmt die für die Krankheit
bedeutsame Monoaminoxidase A.
1. Horrorvision: Im Mittelpunkt zu stehen
Das Leben eines Patienten mit sozialer Phobie wird
bestimmt durch seine anhaltende Angst vor Situationen,
in denen er im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit des Umfeldes
steht oder sich der prüfenden Beobachtung durch andere Menschen
ausgesetzt sieht. Dabei unterliegt er der Befürchtung, etwas
zu tun, was demütigend oder zumindest peinlich für ihn sein
könnte. Schon die Gedanken an die phobische Situation
können eine massive Angstsymptomatik auslösen. Häufig lässt
sich sogar ein Schlüsselerlebnis in der Vorgeschichte finden,
in dem die Patienten aus realen Gründen Ängste durchleben
mussten. Typische Beispiele für solche Situationen sind Sprechen
in der Öffentlichkeit, gemeinsames Essen mit anderen Menschen
oder Ausführung irgendeiner Tätigkeit unter Beobachtung. Vielfach
kommt es zu Zittern, Erröten, Schwitzen, Herzrasen, Atemnot,
Schwindel oder Harndrang. Das führt dazu, dass der Betroffene
die entsprechenden Situationen nach Möglichkeit zu vermeiden
versucht.
Die Störung betrifft Frauen und Männer etwa gleich häufig.
Männer scheinen allerdings vermehrt Strategien zu entwickeln,
um ihre Angst möglichst lange verbergen zu können. In günstigen
Fällen kann eine Spontanbesserung durch Reifung der Persönlichkeit
zustande kommen. Häufig aber entwickelt sich ein chronisches
Leiden mit niedrigem Selbstwertgefühl und einem hohen Risiko
für Folgeerkrankungen. Hierzu zählt die Flucht in den Alkohol,
um damit die Angst zu dämpfen. Im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung
leiden die Betroffenen doppelt so häufig unter Alkoholproblemen.
Bei 16% der Fälle kommen Depressionen hinzu, ebensoviele unternehmen
einen Suizidversuch.
Die soziale Phobie nimmt ihren Anfang meist schon im Schulalter,
in der Hälfte der Fälle bereits bis zum 12. Lebensjahr. Insgesamt
95 % der Betroffenen leiden vor ihrem 20 Lebensjahr darunter.
Der frühe Beginn kann schwerwiegende Entwicklungsstörungen
nach sich ziehen. Sie haben Schwierigkeiten mit dem Schulstoff,
schliessen ihre Ausbildung nicht ab oder sind unfähig, ihren
Beruf weiter auszuüben. Bei Verlust ihrer Anstellung, geraten
sie leicht in eine finanzielle Abhängigkeit.
2. Phobien und Ängste sind vielschichtig
In Deutschland führten Neurologen das Krankheitsbild der
sozialen Phobie vor wenigen Jahrzehnten noch unter den Begriffen
„Persönlichkeitsstörung" oder „Selbstunsichere Persönlichkeit".
Erst 1980 fand in der revidierten Fassung der dritten Version
des Diagnostic Statistical Manual (DSM) eine Klassifikation
und detaillierte Benennung der sozialen Phobien statt. Die
neue Aufschlüsselung nach ICD-10 (zehnte Version der International
Classification of Diseases) und DSM-IV enthält inzwischen
Kriterien zur genauen Beurteilung dieser Störung.
Es gibt angeborene und erworbene, isolierte Phobien sowie
multiple Phobien: Unter isolierten Phobien werden Befürchtungen
und Vermeidungsreaktionen im Zusammenhang mit einzelnen, genau
benennbaren Objekten wie Schlangen, Spinnen oder Dunkelheit
verstanden. Sie entstehen meist, ohne dass die entsprechende
Person unbedingt mit diesen Elementen unangenehme Erfahrungen
gemacht haben muss und werden nur selten auf weitere Objekte
übertragen. Sie sind bei vielen Menschen anzutreffen und nur
in Extremfällen behandlungsbedürftig.
Es kommen aber auch isolierte Phobien vor, die eindeutig durch
negative Erfahrungen entstanden sind. Hier besteht
allerdings eine Tendenz zur spontanen Rückbildung im Laufe
der Zeit. Sie müssen dann behandelt werden, wenn sie zu wesentlichen
Beeinträchtigungen im Leben der Betroffenen führen wie beispielsweise
Schulversagen oder Berufsunfähigkeit. In solchen Fällen basiert
das Therapieprinzip auf einem Selbstsicherheits- und Problemlösetraining
mit einer schrittweisen Annäherung an das gefürchtete Objekt.
3. Es entsteht die Angst vor der Angst
Im klassischen Fall besteht das Leitsymptom aus einer Angst
vor offenen Plätzen und Strassen, der Agoraphobie.
In vielen Fällen tritt gleichzeitig auch eine Klaustrophobie
vor engen oder überfüllten Räumen auf. In vielen Fällen bildet
sich zusätzlich sozusagen noch eine Angst vor der Angst aus.
Dadurch werden ursprünglich ungefährlich wirkende Konstellationen
allmählich als bedrohlich empfunden. Durch den Versuch, diese
zu vermeiden, verstärkt sich die bedrohende Wirkung der Situation
zunehmend. Allmählich werden die Sicherheitsvorkehrungen gegen
das Auftreten solcher Situationen immer umfangreicher, bis
manche Patienten ihre Wohnung nicht mehr verlassen und ihre
Sozialbeziehungen schliesslich völlig verarmen.
Menschen mit sozialen Phobien sind ängstlicher, introvertierter
und in manchen Körperfunktionen labiler als Kontrollpersonen.
Zu den psychosozialen Risikofaktoren zählen eine frühe Trennung
von den Eltern, zu hohe Anforderungen im Elternhaus oder das
Vorhandensein einer sozialen Phobie schon bei den Eltern,
die damit ein mangelndes Durchsetzungsvermögen vermitteln
und die soziale Unsicherheit erhöhen. Weitere Beispiele sind
unverarbeitete Aggressionen, Furcht vor Kritik, die Unfähigkeit
sich abzugrenzen oder das Unvermögen, Ängste zuzulassen. Manchmal
geht die Erkrankung auch auf traumatisierende Ereignisse wie
auf harte Bestrafungsprozeduren im Kindes- und Jugendalter
zurück, die zu sozialen Defiziten führen.
Die Unterscheidung der verschiedenen Phobien und ihrer Ausprägungsstufen
ist deshalb so wichtig, weil diese jeweils unterschiedliche
therapeutische und pharmakologische Behandlungsmethoden erfordern.
Allerdings erhält ein sich in einer Endphase befindlicher
Patient nur selten seine ursprüngliche Unbefangenheit wieder
zurück.
4. Überträgerstoffe werden beeinflusst
An der Entstehung des Verhaltensmusters „Angst", das psychische
und somatische Erscheinungen einschliesst, sind die Strukturen
des limbischen Systems beteiligt, welches das Randgebiet
zwischen Hirnstamm und Grosshirn mit Mandelkern, Ammonshorn
und Gürtelwindung umfasst. Von diesen Strukturen gehen gemütsbetonte
und -bedingte Antriebe aus, ausserdem werden innere Organe
und hormonale Steuerungen beeinflusst.
Die Weitergabe von Informationen von einer aus Reizleitungsstrang,
Fortsätzen und Zellkörper bestehenden Nervenzelle zur anderen
geschieht jeweils über einen schmalen synaptischen Spalt hinweg.
Die Nervenimpulse überwinden diesen Spalt mit Hilfe von Botenstoffen,
den Neurotransmittern. Zu diesen gehören Glutaminsäure,
Noradrenalin, Dopamin, Serotonin, Acetylcholin und Gamma-Aminobuttersäure.
Stimulierende Transmitter regen an, hemmende dämpfen die Erregbarkeit.
Im Ruhezustand ist der Vermittlerstoff im Endstück der Nervenzelle
in kleinen Bläschen, den synaptischen Vesikeln, gespeichert.
Auf die Erregung hin wird er in den synaptischen Spalt entleert
und kann während einer kurzen Zeit mit den spezifischen Rezeptoren
in der Zellmembran der benachbarten Zelle reagieren. Danach
wird er entfernt, inaktiviert oder in die produzierende Region
der Zelle zurückbefördert, um dort wieder in synaptische Vesikel
verpackt zu werden und so erneut zur Verfügung zu stehen.
Es ist möglich, diese Aufnahme des Transmitters in die Vesikel
durch Pharmaka zu beeinflussen. Transmitter im Zellplasma
ausserhalb der Vesikel können durch Enzyme inaktiviert werden,
beispielsweise durch Monoaminoxidasen (MAO). Diese
entfernen die Aminogruppe von monoaminhaltigen Neurotransmittern.
Damit sorgen sie für die Einhaltung der benötigten Konzentrationen
der Überträgerstoffe im synaptischen Spalt. Die MAO liegt
in Form zweier Isoenzyme vor. Beim Menschen werden Adrenalin,
Noradrenalin und Serotonin durch die MAO-A metabolisiert und
der Neurotransmitter Dopamin und das biogene Amin Tyramin
durch beide, die MAO-A und MAO-B.
5. Kein „Käseeffekt" mehr
Monoaminoxidase-Hemmer können prinzipiell bei allen depressiven
Erkrankungen eingesetzt werden. Ein besonderes Behandlungsgebiet
umfasst jedoch Angstkrankheiten, soziale Phobie und Panikstörungen.
Wird die MAO gehemmt, so hat dies eine Anreicherung von Serotonin
und Noradrenalin im Nervensystem zur Folge, speziell aber
in den Synapsen.
Durch das grössere Transmitterangebot kommt eine antidepressive
Wirkung zustande, es entstehen aber auch Nebenwirkungen. Eine
der Unverträglichkeitsreaktionen ist die sogenannte Hochdruckkrise
bei gleichzeitigem Genuss von Nahrungsmitteln wie reifem Käse,
die das biogene Amin Tyramin enthalten. Da dieses nun nicht
mehr abgebaut wird, setzt es Noradrenalin frei, was zur Verengung
peripherer Blutgefässe und als Folge davon zu Bluthochdruck
führt.
Bei dem ersten wirksamenVertreter der Substanzgruppe der
antidepressiv wirksamen reversiblen Inhibitoren der
Monoaminoxidase A (RIMA) handelt es um das Medikament
Aurorix von Roche mit Moclobemid als Wirkstoff.
Wird das Medikament abgesetzt, nimmt die MAO ihre Aktivität
wieder auf. Durch die Erhöhung der Konzentrationen der Überträgerstoffes
Noradrenalin und Serotonin kommt eine gleichzeitig einsetzende
Verbesserung von Stimmung und Antrieb zustande.
| Phobien |
Angst vor |
| Agoraphobie |
öffentlichen Plätzen |
| AIDS-Phobie |
Infektion mit HIV |
| Aiktiophobie |
scharfen, spitzen Instrumenten |
| Ailurophobie |
Katzen |
| Akrophobie |
hohen Gebäuden, Türmen, Bergen |
| Anthophobie |
Blumen |
| Anthropophobie |
Menschen |
| Apiphobie, Melissophobie |
Bienen |
| Aquaphobie, Hydrophobie |
Wasser |
| Arachnophobie |
Spinnen |
| Astraphobie |
Blitzen |
| Aviaphobie |
Fliegen (Flugphobie) |
| Bakteriophobie |
Bakterien |
| Belemnophobie |
Nadeln, spitzen Gegenständen |
| Brontophobie |
Donner |
| Dezidophobie |
dem Treffen von Entscheidungen |
| Dromophobie |
dem Überqueren einer Strasse |
| Dysmorphophobie |
Fehlbildungen, besonders im Gesichtsbereich,
„Schönheitsfehler" |
| Equinophobie |
Pferden |
| Erythrophobie |
Erröten |
| Heliophobie |
Sonne |
| Herpetophobie |
Reptilien (Kriechtiere), krabbelnde Lebewesen
|
| Hylophobie |
Wald |
| Karzinophobie |
Erkrankung am Krebs |
| Keraunosphobie |
Gewitter |
| Klaustrophobie |
geschlossenen Räumen, Höhlen |
| Kynophobie |
Hunden |
| Mysophobie |
Schmutz, Ansteckung |
| Nudophobie |
Nacktsein |
| Nyctophobie |
Nacht, Dunkelheit |
| Onomatophobie |
der Erwähnung eines Wortes oder Namens |
| Ophidiophobie |
Schnecken |
| Ophiophobie |
Schlangen |
| Pathophobie |
Krankheit |
| Phthiriophobie |
Filzläusen, Läusen |
| Pyrophobie |
Feuer |
| Siderodromophobie |
Reisen mit der Eisenbahn |
| Sitophobie |
Essen |
| Tanatophobie |
Scheintod |
| Taphophobie |
Lebendigbegraben werden |
| Xenophobie |
Fremdem |
| Zoophobie |
bestimmten Tiere |
| Zypridophobie |
Geschlechtskrankheiten |
Angsttypologie
(in der schweizerischen Bevölkerung exklusive Tessin)
aus: Therapeutische Umschau, Band 45, 1988, Heft 6 |
| Angsttyp |
Prozentuale Häufigkeit
|
vor dem Verlust des Mitmenschen
und vor Krankheit |
12,4
|
| panische Ängste |
12,7
|
| umweltsensibilisiert, wie vor Umweltzerstörung |
22,8
|
| Beziehungsängste im Beruf |
11,4
|
| vor Weltuntergang und Katastrophen, hypochondrische
Ängste |
7,3
|
Zeichnung einer Patientin mit Angstanfällen und Suizidalität

Schematische Darstellung der MAO-Wirkung (Monoaminoxydase)

|