Von transgenen Tieren auf den Menschen übertragbare Erkenntnisse
Von der Grundlagenforschung mit Maus-Modellen zu neuen
Therapieformen in der Medizin
Gentechnisch veränderte Mäuse werden in der Forschung
in Indikationsgebieten wie der Creutzfeldt-Jacob Krankheit,
Rinderwahnsinn, Aids und Krebs eingesetzt. Auch bei der Entwicklung
neuer Therapien gegen Autoimmunkrankheiten wie juveniler Diabetes
oder Multipler Sklerose spielen sie eine wichtige Rolle. Bei
Roche kommen sie vorrangig bei der Suche nach Arzneimitteln
gegen die Alzheimererkankung zum Einsatz. Mit Zell-, Gewebe-
oder Bakterienkulturen sowie Computersimulationen können wertvolle
Erkenntnisse gewonnen werden. Inwieweit sich diese aber für
die Medizin umsetzen lassen, zeigt sich erst am lebenden Gesamtorganismus
im Zusammenhang mit den biologischen Stoffwechselprozessen.
Auch wenn Tiere keine idealen Modelle für die menschlichen
Krankheitsbilder verkörpern, so stellen sie doch noch immer
die beste Alternative zum Versuch am Menschen dar. Als
Versuchstiere werden vorrangig Mäuse verwendet, da sie eine
kurze Generationszeit haben und ihr Erbgut bereits gut charakterisiert
ist.
1. Zwei Möglichkeiten zur Veränderung des Erbgutes
Unter der Bezeichnung „transgene" Tiere werden im
allgemeinen alle gentechnisch veränderten Tiere verstanden.
Es existieren zwei grundsätzlich verschiedene Methoden, das
Erbgut von Tieren gezielt zu verändern: Durch das Einfügen
eines zusätzlichen Gens in den Zellkern einer befruchteten
Eizelle entstehen transgene Tiere mit neuen Eigenschaften.
Wird dagegen gezielt ein vorhandenes Gen ausgeschaltet, kommen
sogenannte Knock-out-Tiere zustande, denen jeweils
die durch dieses Gen hervorgerufene Eigenschaft fehlt. Diese
Methode lässt sich auch so abwandeln, dass das betreffende
Gen nur geringfügig verändert, aber nicht völlig ausgeschaltet
wird.
Entwickelt ein Tiermodell eine Krankheit, die jener beim
Menschen sehr ähnlich ist, lassen sich Ursachen, Entstehung
und Bekämpfungsmechanismen sowie die Wirksamkeit von neuen
Arzneimitteln an diesen Tieren nachvollziehen. Da aber für
viele schwere Krankheiten kein natürlich vorkommendes Tiermodell
existiert, kann in transgenen Tieren gentechnisch eine Erkrankung
hervorgerufen werden, die der menschlichen entspricht. Beispiele
dafür sind die Alzheimersche Krankheit, die Multiple Sklerose,
Diabetes oder Chorea Huntington (Veitstanz), die sich bei
der Maus auslösen lassen.
Sowohl die Züchtung als auch die Arbeit mit transgenen Tieren
im Rahmen von Versuchen ist in der Schweiz bewilligungspflichtig,
es gelten die Bestimmungen des schweizerischen Tierschutzgesetzes.
Registrierung und Bewilligung erfolgen durch die kantonalen
Tierschutzkommissionen, zu denen auch Vertreter des Tierschutzes
gehören.
2. Die zwei Verfahren der Zellkern- und Blastozysten-Injektion
Zur Herstellung gentechnisch veränderter Mäuse kommen üblicherweise
zwei Verfahren zur Anwendung: die Mikroinjektion von Genen
in die befruchtete Eizelle und die Mikroinjektion genetisch
veränderter embryonaler Stammzellen in die Blastozyste. Als
Blastozystenstadium wird die Stufe der Embryonalentwicklung
bei Mensch und Tier bezeichnet, die nach Abschluss der ersten
Zellteilungen erreicht ist, bevor sich der Embryo in die Gebärmutterschleimhaut
einnistet.
Die Mikroinjektion in den Vorkern befruchteter Eizellen
wurde zu Beginn der achtziger Jahre eingeführt. Wenige Stunden
nach der Befruchtung der Eizelle wird eine Lösung, die zahlreiche
Kopien des gewünschten Gens enthält, in den mütterlichen oder
väterlichen Vorkern injiziert. Daraufhin wird dieses Gen in
das Erbgut der Eizelle nach dem Zufallsprinzip eingebaut und
bei den folgenden Zellteilungen an die Tochterzellen weitervererbt.
Damit sich der entstehende Embryo entwickeln kann, wird die
befruchtete Eizelle in eine auf die Schwangerschaft vorbereitete
Maus implantiert. Etwa ein Viertel der neugeborenen Mäusen
weist das Transgen in seinem Erbgut auf. Die Methode ist auch
bei zahlreichen anderen Tierarten wie beispielsweise Ratte,
Kaninchen, Schwein, Schaf und Rind angewendet worden.
Für die Mikroinjektion in die Blastozyste werden embryonale
Stammzellen verwendet, die dazu in einem Kulturgefäss gezüchtet
werden. Sie sind in ihrer Entwicklung noch nicht auf ein bestimmtes
Gewebe festgelegt und können sich daher zu allen in der Maus
vorkommenden Zelltypen ausdifferenzieren. In diesen Stammzellen
wird die gezielte Veränderung eines bestimmten Gens durchgeführt
und ausgewählte Zellen, deren Erbgut diese gewünschte Veränderung
enthält, in die mehrzellige Blastozyste injiziert und diese
anschliessend in ein Empfängertier implantiert. Daraus entstehende
Nachkommen sind aus einem Gemisch gentechnisch veränderter
als auch normaler Zellen zusammengesetzt. Durch Weiterzucht
solcher als Chimären bezeichneten Individuen werden in den
nachfolgenden Generationen Tiere erhalten, die die gewünschte
genetische Veränderung in der Gesamtheit ihrer Zellen tragen.
Im Unterschied zur Mikroinjektion in den Kern einer befruchteten
Eizelle können mit dieser Methode vorhandene Gene gezielt
ausgeschaltet oder verändert werden. Dieses Verfahren ist
bisher nur bei Mäusen gelungen.
3. Weniger Tierversuche mit gezielt erzeugten Mutanten
Die Vielfalt der Lebewesen geht im wesentlichen auf Individuen
mit verbesserten Eigenschaften zurück, welche die weniger
vorteilhaft ausgestatteten Lebewesen allmählich verdrängten.
Die künstliche Selektion derartiger Mutanten hat nicht nur
Züchter, sondern auch Wissenschafter beschäftigt, die sich
Rückschlüsse von den veränderten Eigenschaften auf die Funktion
der Gene erhofften. Wegen der Zufälligkeit spontaner Mutationen,
die meist wahllos eines oder wenige der vielen Genen betrafen,
stand jedoch zunächst die Beobachtung einer grossen Zahl von
Lebewesen im Vordergrund, aus denen dann diejenigen mit Besonderheiten
herausgesucht wurden. Aus diesem Grund wurden für genetische
Tests vorrangig sich schnell vermehrende Lebewesen, wie Bakterien
und Taufliegen verwendet und dabei die Mutationsrate der Gene
durch Bestrahlung oder Chemikalien künstlich erhöht. Seit
einiger Zeit ist es aber möglich, mit Hilfe der Gentechnik
Mutationen gezielt an ausgewählten Genen in einem spezifischen
Organ zu einem bestimmten Zeitpunkt vorzunehmen.
Der vermehrte Einsatz geeigneter transgener Tiere als auswertbare
Krankheitsmodelle im Vergleich zu herkömmlich gezüchteten
Mäusen oder solchen mit unerwünschten zufälligen Mutationen
leistet daher auch einen Beitrag zur Reduktion der Anzahl
benötigter Versuchstiere. Gentechnisch veränderte Mäuse können
bei Impfstofftests gegebenenfalls auch andere Versuchstiere
wie beispielsweise Affen ersetzen.
4. Noch immer viele Rätsel um die Alzheimersche Krankheit
Die seit etwa hundert Jahren bekannte Alzheimersche Erkrankung
verursacht bei den betroffenen Patienten innerhalb weniger
Jahre einen fortschreitenden geistigen Verfall, der meist
zum vollständigen Verlust eines selbständigen Lebens führt.
Durchschnittlich betrifft dies etwa 15 Prozent aller über
65-jährigen Personen, in der Schweiz erkranken jährlich etwa
5000 Menschen neu.
Noch immer fehlen effektive Therapien, da der bei dieser
Krankheit auftretende zunehmende Ausfall von Nervenzellen
in der Hirnrinde und anderen Teilen des Grosshirns bis heute
nicht ausreichend erklärt werden kann. Inzwischen ist jedoch
bekannt, dass zwei Prozesse bei der Entstehung eine wichtige
Rolle spielen: Bei dem einen handelt es sich um die übermässige
Ansammlung eines bestimmten Eiweisses (Beta-Amyloid),
welches sich ausserhalb der Nervenzellen zu Klumpen zusammenlagert.
Bei dem anderen steht das t-Protein im Mittelpunkt,
welches innerhalb der Zellen zu Faserbündeln verklebt. Die
entstehenden Strukturen beeinträchtigen die Leistungsfähigkeit
der Nervenzellen und führen zu deren Absterben.
Bis vor kurzem wurde die Krankheit hauptsächlich an Hirngewebsmaterial
Verstorbener studiert. Inzwischen stehen der Wissenschaft
zwei Mausmodelle zur Verfügung, die solche krankhaften Veränderungen
des Gehirns aufweisen, wie sie für Alzheimer Patienten typisch
sind. Der erste Typ der transgenen Alzheimer-Maus enthält
zusätzlich die menschliche Erbinformation eines krankhaft
veränderten Amyloid-Vorläufer-Proteins. Im Gehirn dieser Mäuse
entwickeln sich daraufhin ebenfalls Amyloidklumpen (Plaques)
aus Bruchstücken dieses Vorläuferproteins. Im Erbgut des zweiten
Typs der Alzheimer-Mäuse befindet sich das Presenilin-Protein,
das den Abbau des Amyloid-Vorläufer-Proteins beeinflusst.
Das Ziel der Roche Forschung ist es nun, beispielsweise mit
Hilfe von Tiermodellen, deren Erbgut ein defektes Gen des
Amyloid-Vorläufer- oder Presenilin-Proteins aufweist, Arzneimittel
zu entwickeln, die diese Plaquebildungen unterdrücken. Damit
könnte die mit der Ablagerung des Beta-Amyloids verbundene
Patholgie verhindert werden.
5. Therapieansätze im Kampf gegen Krebs
Auch wenn heute eine Reihe der etwa 200 verschiedenen Krebsarten
behandelt oder sogar geheilt werden kann, so existiert doch
für die Mehrheit bis jetzt noch keine effiziente Therapie.
Immerhin ist inzwischen eine grosse Zahl der Gene bekannt,
die bei der Krebsentstehung eine Rolle spielen. Zur Umsetzung
in neue therapeutische Konzepte ist es daher wichtig, die
Über- oder Unterfunktion dieser Gene sowohl in normalen als
auch in Krebszellen aufzuklären. Transgenen Tiermodellen kommt
dabei eine steigende Bedeutung zu, da mit ihnen Krebsentstehungsvorgänge
beim Menschen nachgebildet werden können.
Bei dem juvenilen Diabetes, der Jugendliche zwischen
12 und 24 Jahren trifft, reagiert das Immunsystem fälschlicherweise
gegen die körpereigenen, Insulin produzierenden Beta-Zellen
der Bauchspeicheldrüse. Ein solcher Angriff des Abwehrsystems
auf körpereigene Zellen wird als Autoimmunreaktion bezeichnet.
Dadurch gelangt zuwenig Insulin in die Blutbahn, was einen
erhöhten Zuckergehalt im Blut zur Folge hat. Auslöser der
Krankheit ist meist eine Virusinfektion, beispielsweise durch
Mumps-Viren. Die gentechnische Veränderung bei der Diabetes-
Maus bewirkt, dass das Immunsystem der transgenen Maus im
Zusammenhang mit einer bestimmmten Virusinfektion die insulinproduzierenden
Zellen gezielt angreift und zerstört. Auf diese Weise konnte
erkannt werden, wie das Abwehrsystem zwischen körpereigenen,
wie denen der Zellen der Bauchspeicheldrüse, und körperfremden
Eiweissen, wie jenen von Viren, unterscheidet. Wurden bei
diesen Mäusen die für die Zerstörung verantwortlichen Zellen
eliminiert werden, konnte die Entwicklung von Diabetes verhindert
werden. Diese Untersuchungsergebnisse zeigen einen möglichen
Weg auf, wie die Krankheit auch beim Menschen behandelt werden
könnte.
Die frühe Phase der Multiplen Sklerose ist gekennzeichnet
durch eine fehlgeleitete Abwehrreaktion des menschlichen Immunsystems
gegen Nervenzellen des Gehirns und des Rückenmarks. Dabei
greifen weisse Blutkörperchen die Eiweisse der Nervenfaserhüllen
an und stören die Leitung elektrischer Impulse. Ziel der Behandlung
der Multiplen Sklerose ist es daher, einerseits die Zerstörung
der Nervenfaserzellen aufzuhalten und andererseits bereits
entstandene Defekte zu reparieren. Transgene Tiere dienen
dazu, diese gegen eigenen Körperzellen gerichteten Autoimmunreaktionen
zu untersuchen.
Auch bei der Suche nach neuen Therapiewegen wie beispielsweise
gegen HIV/Aids oder zum Aufspüren und Erforschen des Erregers
des Rinderwahnsinns können Mausmodelle herangezogen werden.
Transgene Mäuse

Microinjektion
von Transgenen |
Gezielte Mutagenese:
Blastozysten-Injektion |

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