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Effiziente Methoden der Grippebekämpfung
Neuraminidasehemmer stellt Grippeviren kalt
Die weltweit häufigsten Todesfälle werden nach WHO-Erhebungen
durch akute Atemwegserkrankungen verursacht. Als Krankheitserreger
kommen Viren, Bakterien und Pilze in Frage, wobei Grippeviren
die wichtigste Rolle spielen. Impfstoffe gegen die Influenza
sind bereits seit 1952 bekannt, jedoch ist es bisher nicht
gelungen, regional auftretende Epidemien oder weltweit verlaufende
Pandemien zu verhindern. Das liegt vor allem daran, dass Grippeviren
ihre Oberfläche immer wieder verändern können und damit die
durch frühere Infektion oder Impfung aufgebaute körpereigene
Immunität unterlaufen. Eine neuartige Bekämpfungsstrategie
gegen das Influenzavirus wirkt über die Ausschaltung des Enzyms
Neuraminidase, dessen Wirkzentrum bei allen Grippeviren gleich
ist. Die Vermehrung der Viren wird auf diese Weise gestoppt
und die typischen Krankheitssymptome wie Schwächegefühl, Fieber,
Gliederschmerzen vermindert oder sogar verhindert.
1. Meist genügt ein Händedruck
Die Übertragung erfolgt vorwiegend über eine Tröpfcheninfektion
(Aerosol). Virus-beladene Schleimtröpfchen werden durch
Niesen oder Husten ausgestossen und von anderen Personen eingeatmet.
Grössere Menschenansammlungen oder intensiver Publikumsverkehr
begünstigen die Ausbreitung der Influenza. Wenige Minuten
in einem dicht besetzten Raum genügen, um die Infektion von
einem Infizierten auf weitere Menschen zu übertragen. Dabei
spielt bei der Aerosol-Übertragung auch der Händedruck eine
Rolle.
Die Inkubationszeit beträgt etwa 18 bis 36 Stunden, seltener
bis zu 4 Tagen. Dabei vermehrt sich das Virus in den Atemwegen,
der Lunge und den Nasen- und Kieferhöhlen. Zu Beginn treten
üblicherweise Schwächegefühl, Husten, Abgeschlagenheit,
Frösteln, Kopf- oder Gliederschmerzen auf, danach folgen
für 2 bis 3 Tage Fieber. Als Sekundärsymptome zeigen
sich häufig Übelkeit, manchmal auch Erbrechen und Diarrhöe.
Erst später stellen sich Niesen sowie Schwellungen der Nasenschleimhaut
und Reizhusten ein. Als schwere Komplikationen werden
vorübergehende oder dauerhafte Herzmuskelschäden beobachtet,
manchmal auch Entzündungen von Nasennebenhöhle, Mittelohr,
Lunge oder Rippenfell. Bakterielle Sekundärinfektionen können
hinzukommen. Zu einer dieser gefürchteten Verschlechterungen
der Influenzavirusinfektion gehört eine unter Umständen sogar
tödlich verlaufende Lungenentzündung. Dabei sind neben den
ursächlichen Influenzaviren meist Staphylokokken beteiligt.
Diese setzen offenbar eine eiweissspaltende Protease frei,
welche den Eintritt der Viren in die Zellen erleichtert.
2. Wasservögel stehen im Zentrum des Infektionskreises
Die Grippeviren stammen vorrangig von Schweinen, Hühnern
oder Enten in südostasiatischen Ländern. Dort leben Menschen
und Tiere traditionsgemäss auf engstem Raum zusammen, was
dazu führt, dass vorhandene Viren die Artbarrieren überspringen,
sich vermischen und so neue Krankheitserreger hervorbringen.
Die zugleich auch gefährlichste Sorte Influenza ist vom Typ
A und befällt eine breite Palette von Tierarten, die sich
jeweils gegenseitig anstecken können. Vögel beherbergen allein
über zehn verschiedene Versionen vom Typ A, welche Schweine,
in sehr seltenen Fällen aber auch den Menschen infizieren.
Primaten einschliesslich Mensch übertragen das Virus aber
auf Schweine, und diese geben es wiederum an Pferde und Schafe
weiter.
Viren von jeder Gruppe scheinen Wasservögel, insbesondere
Enten und Möwen, zu befallen. Influenza-Subtypen können sogar
mehrere Monate lang in Sedimenten von Frischwasserseen überleben,
bis sie von Enten aufgenommen werden.
3. Das Warten auf die nächste Pandemie hat begonnen
Durchschnittlich kommt jährlich eine Influenzaepidemie zum
Ausbruch, Grippe-Pandemien entstehen etwa alle zehn bis vierzig
Jahre. Diese breiten sich unvorhergesehen und sehr schnell
in einem viel grösseren Umkreis als Epidemien aus. Das Ausmass
einer solchen Volksseuche lässt sich anhand der folgenden
Zahlen verdeutlichen: Während der schwersten Pandemie im Winter
1918/19 starben weltweit mehr als 30 Millionen Menschen an
Influenza. In der Pandemie von 1968 bis 1970 bewegte sich
die Zahl der Todesopfer allein in Deutschland zwischen 20.000
und 30.000, über 70 Prozent der Bürger waren von der Virusinfektion
betroffen. Epidemien, bei denen etwa 20 Prozent der Gesamtbevölkerung
infiziert werden, treten alle 2 bis 4 Jahre auf. Selbst in
Zeiten geringer Influenza-Aktivität trifft es in den Industrieländern
mit über 100 Millionen verzeichneten Infektionen ungefähr
jeden Zehnten aus der Bevölkerung. Schätzungsweise kosten
die im Zusammenhang mit einer mittelschweren Grippe-Epidemie
stehenden 15 Millionen verlorenen Arbeitstage in den USA zusammen
mit den Massnahmen zur medizinischen Versorgung etwa 3 bis
5 Milliarden Dollar.
4. „Shift" und „drift" sorgen für eine Veränderung der Virusoberfläche
Influenza-Infektionen bewirken die Produktion einer ausgeprägten
Antikörperantwort gegen die für den Virus typischen Hämagglutinin
(HA)- und Neuraminidase (NA)-Oberflächenproteine. Antikörper,
die gegen 4 oder 5 der als Epitope bezeichneten Stellen
des HA-Proteins oder 3-4 auf dem NA-Protein gerichtet sind,
können spezifische Immunantworten induzieren und damit das
Virus neutralisieren. Dieses wiederum kann die Epitope mutieren,
ohne dass die Funktion seiner beiden Proteine dadurch beeinträchtigt
wird. Meist handelt es sich um Punktmutationen, die eine Veränderung
der Oberflächenantigene eines bereits bekannten Virus verursacht
und so eine weitere Antikörperbindung verhindert. Auch wenn
noch eine partielle Immunantwort gegen unveränderte Epitope
existiert, kann dadurch ein Individuum neu infiziert werden.
Vielfach resultiert aus einem derartigen Drift-Ereignis
eine Influenza A- oder -B-Epidemie.
Dem Shift liegt ein Gen-Austausch zwischen Influenza
A-Viren aus verschiedenen Spezies zugrunde. Wenn dann in einer
Wirtszelle durch neuartige HA- und NA-Gene auch Virusstämme
mit bisher völlig unbekannten Oberflächenstrukturen gebildet
werden, ist das menschliche Immunsystem überhaupt nicht in
der Lage, das Virus zu erkennen und genügend rasch wirksame
Antikörper zu bilden. Auf diese Weise können durch schnelle
weltweite Verbreitung eines neuen Subtyps verheerende Pandemien
entstehen.
Infizieren zwei verschiedene Influenzaviren, die vom Tier
oder vom Menschen stammen können, gleichzeitig dieselbe Zelle,
werden die in der Zelle getrennt synthetisierten Virusgene
gewissermassen gemischt, so dass ein Virus mit einer neuen
Genzusammensetzung entsteht.
Ist das neu entstandene Virus seinem Vorläufer ähnlich, droht
dem Menschen keine ernsthafte Gefahr, denn das Immunsystem
hat gegen den vorherigen Virus bereits Antikörper gebildet.
Sind die Unterschiede grösser, so kommt nur eine partielle
Immunantwort zustande, und schwere Krankheitsverläufe sind
die Folge. Weist der Virus schliesslich (als Folge eines genetischen
Shifts) eine weitgehend neue Oberflächenstruktur auf, hat
das menschliche Immunsystem keine Chance, sich schnell genug
gegen die Influenzainfektion zur Wehr zu setzen.
Seit 1977/78 werden immer wieder durch Varianten der beiden
parallel zirkulierenden Influenza A-Subtypen H3N2 und H1N1
oder Influenza B-Viren entstandene Epidemien beobachtet. Manchmal
spielen beide Influenza A Subtypen eine Rolle und verursachen
aufeinanderfolgende Epidemien, wie das 1995/96 der Fall war.
Die Influenza A-Viren des Subtyps H3N2 bringen praktisch in
jedem Jahr neue Varianten hervor. Vor einigen Jahren stand
ein neuer Virustyp in den Schlagzeilen: Der in Hongkong isolierte
Erreger der Hühnergrippe H5N1 hat dort 6 Menschenleben gekostet
und Tausende von Hühnervögeln getötet. Glücklicherweise wurde
er nicht von Mensch zu Mensch übertragen.
5. Neuraminidasehemmer stoppt Virusvermehrung
Zur Zeit beschränkt sich die Bekämpfung der Grippe eher auf
eine rein symptomatische Behandlung. Aber trotz Nasenspray
gegen Schnupfen oder die üblichen Mittel gegen Husten, Schmerzen
und Fieber dauert die Krankheit meist mehrere Tage bis Wochen
an.
Eine Möglichkeit, sich vor einer Grippeerkrankung zu schützen,
ist die Impfung mit inaktivierten Virusbestandteilen. Durch
die Wandlungsfähigkeit der Grippeviren bieten Impfstoffe aber
keinen Schutz gegen sämtliche Influenzaviren. Jedes Jahr geben
die Gesundheitsbehörden den Impfstoffherstellern einige
Monate vor Beginn der Impfsaison im Herbst eine Empfehlung
für die Zusammensetzung des benötigten Impfstoffes der nächsten
Grippeperiode. Grundlage dieses Vorschlags ist eine Überwachung
der aktuell im Umlauf befindlichen Grippeviren, die durch
die Weltgesundheitsbehörde (WHO) koordiniert wird.
Eine Schutz-Impfung wird heute vor allem den Personen
empfohlen, deren Abwehr durch eine chronische Grundkrankheit
oder fortgeschrittenes Alter, therapeutische Massnahmen oder
eine Infektion verringert ist. Dies betrifft insbesondere
Personen, die älter als 65 Jahre sind. Aber auch den an Nierenkrankheiten,
Diabetes mellitus, chronischen Anämien oder Asthma leidenden
Patienten wird zur Impfung geraten sowie denen, die einer
therapeutisch bedingten oder erworbenen Immunschwäche unterliegen,
beruflich gefährdet oder schwanger sind.
Ein effizienter Weg bei der Bekämpfung viraler Erkrankungen
ist die Blockierung spezifischer Prozesse, die das
Virus für seine Vermehrung benötigt. Ein Enzym, das bei der
Vermehrung des Influenzavirus eine derart entscheidende Rolle
spielt, ist die Neuraminidase. Das Wirkzentrum dieses
Enzyms besitzt bei allen bislang untersuchten Grippeviren
eine einheitliche Struktur und ist nicht von Änderungen betroffen.
Wenn dieses Enzym nicht funktioniert oder gehemmt wird, entwickeln
sich keine freien Viruspartikel mehr, und die weitere Virusvermehrung
kommt zum Erliegen.
Bei Arbeiten mit einem Influenzavirus, der Wildvögel am Grossen
Barriere-Riff in Australien befällt, entstanden zufällig die
ersten Neuraminidase-Kristalle. Mit ihrer Hilfe konnten die
Wissenschaftler Ende der achtziger Jahre die dreidimensionale
Molekülstruktur des Enzyms anhand der Röntgenstrukturanalyse
entschlüsseln. Mit Hilfe moderner Computertechnologie wurde
daraufhin der Wirkstoff Ro 64 0802 entwickelt, der
genau in das Aktivitätszentrum der Neuraminidase passt.
Ergebnisse klinischer Studien mit dem inzwischen auf dem
Markt befindlichen oral einzunehmenden, als Kapsel verabreichten
Neuraminidase-Hemmer Tamiflu von Roche zeigen, dass
die als Folge der Virusvermehrung beobachteten Symptome wie
Schwächegefühl, Fieber, Gliederschmerzen, Husten oder Schnupfen
reduziert werden. Die Einnahme kurz vor der Infektion kann
diese Erscheinungen fast vollständig verhindern, nach Auftreten
erster Symptome wird die Krankheitsdauer deutlich verringert.
Grippeviren
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Die allgemeinen Atemwegsviren gehören zur Klasse der
Myxoviren (griechisch Myxa: Schleim). Die Orthomyxaviren
bestehen aus drei Virustypen, die Influenza A, B und
C verursachen. Neben diesen Influenzaviren spielen noch
Rhino-, Corona-, Parainfluenza-, Adeno- und Enteroviren
sowie das Respiratory Syncytial-Virus als Krankheitserreger
eine Rolle. Die klassische Grippe, Influenza A und B,
kommt meist in der kälteren Jahreszeit vor. Influenza
A kann Mensch und Tier infizieren, die Influenza B vor
allem den Menschen und möglicherweise Seehunde. Influenza
C tritt selten auf und verläuft zudem unauffällig. Wissenschaftler
vermuten, dass in unseren Breitengraden über 200 verschiedene
Viruserkrankungen des Atemtraktes existieren.
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Die wichtigsten Virusoberflächenproteine
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Die Virustypen unterscheiden sich auf der Basis ihrer
Immunantworten gegenüber den Gruppenantigenen voneinander.
Eine grobe Einteilung betrifft die Immunreaktionen auf
die Oberflächenproteine HA (Hämagglutinin) und NA (Neuraminidase):
HA (Hämagglutinin-Protein):
Oberflächenprotein des Virus, mit bisher 15 Subtypen
(H1-H15)
- spielt eine Rolle bei der Anheftung des Virus an
die Zelloberfläche und der Verschmelzung des Virions
(in der Ruhephase befindliches, vollentwickeltes,
infektiöses Viruspartikel) mit der Zellmembran. Hämagglutin
bindet an Zuckerketten auf der Oberfläche der Wirtszelle.
- ist hoch variabel, Mutationen sind häufig. (drift)
- kommt in über 500 Kopien pro Virusparikel vor
NA: (Neuraminidase-Protein):
bisher 9 verschiedene Formen (N1-N9)
- spielt eine Rolle beim Durchdringen der um die
Zielzelle herumgelagerten Schleimschicht und bei der
Freisetzung des Virus von der Oberfläche der Wirtszelle.
Die Neuraminidase spaltet Zuckerketten auf der Zelloberfläche
und im Schleim.
Beim Verlassen einer infizierten Zelle, klebt das
Viruspartikel zunächst noch an den N-Acetylneuraminsäure
Rezeptoren der Wirtszelle fest. Die virale Neuraminidase
spaltet die Neuraminsäure ab, so dass sich die viralen
Partikel aus der Verklebung lösen können.
- Viele Regionen der Neuraminidase können ebenfalls
mutieren (drift).
Das Aktivitätszentrum, das die Zuckerketten spaltet,
ist bei den Grippeviren der Klassen A und B nahezu
identisch. Hier bindet und wirkt der Neuraminidasehemmer.
- kommt in 100 bis 250 Kopien pro Viruspartikel vor
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Beispiel für eine Klassifizierung:
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Virusklasse/Spezies der ersten Isolierung/geographische
Region/ Jahr der Isolierung/Code/(H-Untergruppe, N-Untergruppe):
-> A/Turkey/Ontario/1966/7732/66 (H5N9):
<-> Influenza A Virus/ zuerst isoliert aus Truthähnen/
in Ontario/ 1966/ mit dem internationalen Code 7732/
und den Untergruppen H5N9.
(Bei H1, H2, H3 in Verbindung mit N1 oder N2 handelt
es sich meist um menschliche Influenzaviren).
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Der Influenzavirus

Stabförmiges Hämagglutinin (grün)
und pilzförmige Neuraminidase (blau)
(Ansicht von der Virusoberfläche). |
Influenzavirus im Elektronenmikroskop |
Der Neuraminidase-Hemmer

Der Neuraminidase-Hemmer greift am aktiven Zentrum des Neuraminidase-Enzyms
an und fügt sich dort passgenau ein.
Der Neuraminidase-Hemmer

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