Vitamin E stabilisiert biologische Membranen mit hohen Anteilen an vielfach ungesättigten Fettsäuren

Das Antioxidans Vitamin E hält Sauerstoffradikale in Schach

Hochreaktive, freie Radikale entstehen nicht nur als Nebenprodukte des normalen oxidativen Stoffwechsels, sondern auch durch Umweltschadstoffe. Sie können DNS oder Proteine angreifen, vor allem aber die mehrfach ungesättigten Fettsäuren (PUFAs) in den vorrangig aus Phospholipiden und Proteinen bestehenden Zellmembranen. Inzwischen steht fest, dass oxidative Schäden durch freie Radikale eine Rolle in der Pathogenese verschiedener degenerativer Krankheiten und der Beschleunigung von Alterungsprozessen spielen. Vitamin E vermag freie Radikale abzufangen und gilt daher als wichtigstes Antioxidans, welches die Reaktionskaskade frühzeitig unterbricht. Es wird deswegen als wesentlicher Schutzfaktor gegen die Lipidperoxidation angesehen.

1. Weizenkeimöl brachte die Reproduktion in Gang

Die Biochemiker Herbert Evans und Katharine Bishop entdeckten 1922, dass die Fortpflanzung von Ratten nahezu völlig zurückging, wenn das Futter der Tiere aus ranzigem Fett bestand. Erst eine Zugabe von Weizenkeimöl führte wieder zu normalen Reproduktionsraten. 1925 fügte Evans dem für diesen Effekt verantwortlichen Vitamin den Buchstaben E an, da zuvor das Vitamin D mit seiner antirachitischen Wirkung bekannt geworden war. Emerson und seine Mitarbeiter reinigten 1936 den "Faktor E" aus dem Weizenkeimöl und gaben ihm den Namen Tocopherol (tokos: die Geburt, phereum: tragen), da Tiere mit Vitamin E-Mangel keine lebenden Jungen zur Welt brachten. Die Endung –ol wies darauf hin, dass es sich ebenso wie bei den Vitaminen A, D, und K um einen fettlöslichen Alkohol handelte. Die chemische Struktur wurde 1938 durch Erhard Fernholz aufgeklärt, und im selben Jahr lieferte Paul Karrer an der ETH Zürich die erste Synthese der Substanz.

Vitamin E ist die Bezeichnung für alle Tocol- und Tocotrienolderivate, die qualitativ die biologische Aktivität von alpha-Tocopherol aufweisen. Es handelt sich um eine Gruppe von acht natürlichen Verbindungen mit alpha-, beta-, gamma- und delta-Tocopherol sowie alpha-, beta-, gamma- und delta-Tocotrienol. Für die Gewinnung von Vitamin E natürlicher Herkunft dienen vor allem Öle aus Sojakeimen, Sonnenblumenkernen, Maiskeimen und Nüssen, weiterhin auch Vollkorn- und Weizenkeimprodukte.
Kommerziell wird synthetisches Vitamin E durch die Kondensation von Trimethylhydrochinon und Isophytol hergestellt. Diese chemische Reaktion führt zu einer Mischung von acht Stereoisomeren von alpha-Tocopherol zu jeweils gleichen Anteilen. Die höchste biologische Aktivität besitzt RRR alpha-Tocopherol, welches aber nur 12,5 Prozent der Gesamtmischung ausmacht. Die übrigen sieben Stereoisomere haben, wie an Ratten festgestellt wurde, eine andere Konfiguration mit biologischen Aktivitäten zwischen 21 und 90 Prozent.
Nur Vitamin E aus natürlichen Quellen, das aus Pflanzenölen gewonnen wird, besteht aus dem einzigen Stereoisomer RRR-alpha-Tocopherol. Dass die Bioverfügbarkeit und die Verweildauer im Körper der natürlich vorkommenden Formen des alpha-Tocopherol grösser sind als die der synthetischen, hängt vermutlich auch damit zusammen, dass dieses bevorzugt an das dafür wichtige alpha-Tocopherol-Transportprotein gebunden werden kann.

2. Freie Radikale entstehen schon bei der Atmung

Freie Radikale sind hochreaktive Sauerstoffverbindungen, die hauptsächlich als Nebenprodukt der Atmung, aber auch bei der Aufnahme von Umweltstoffen oder Medikamenten im Körper entstehen können. Zwei Prozent des eingeatmeten Sauerstoffs werden in das Superoxid-Radikal umgewandelt. Sauerstoffradikale wie Wasserstoffperoxid, Hydroperoxyl- und Peroxyl-Radikale, Hydroxylradikale, Superoxid-Anion und Singulett-Sauerstoff treten beispielsweise nach der Verstoffwechselung toxischer Chemikalien auf, aber auch nach physikalischen Einwirkungen wie UV-Licht oder ionisierenden Strahlungen.
Besonders oxidationsempfindlich wegen ihres Gehalts an Phospholipiden mit einem hohen Anteil an Polyensäuren sind die mehrfach ungesättigte Fettsäuren in biologischen Membranen und anderen Zellstrukturen. Ihre Oxidation startet vereinfacht dargestellt, beispielsweise bei der Linolsäure, mit der Abspaltung eines Wasserstoffatoms aus der labilen Methylengruppe am C-Atom 11. Das entstehende freie Radikal reagiert mit Sauerstoff unter Bildung eines Peroxyl-Radikals, welches unter Einwirkung auf ein weiteres Linolsäure-Molekül in das Hydroperoxid übergeht und dabei wieder ein neues freies Radikal entstehen lässt. So kann in einer Kettenreaktion aus einem freien Radikal eine grosse Zahl von Hydroperoxiden gebildet werden. Da aus diesen wieder freie Radikale entstehen, wird die Reaktion immer mehr beschleunigt.
Durch derartige Peroxidationen kommt es nicht nur zu Strukturveränderungen der Zellmembran, sondern auch von zellulären Partikeln sowie zur Schädigung membrangebundener Enzyme selbst. Besonders gefährdet sind die Membranen der für den Energiestoffwechsel massgebenden Mitochondrien oder der Lysosomen, die durchlässig werden und Enzyme aus dem Inneren der Organelle freisetzen. Diese Enzyme greifen dann wiederum Zellbausteine an und verursachen funktionelle Störungen oder morphologische Veränderungen. Bei Schädigung der DNA kommt es zur fehlerhaften Sequenzablesung. Es sind auch Inaktivierungen von Enzymproteinen sowie Depolymerisationen von Zuckern möglich.

3. Wichtigstes Antioxidans in der Lipidphase

Die Wirkung der Antioxidanzien beruht auf ihrer Fähigkeit, die durch Radikale eingeleiteten chemischen Reaktionskaskaden abzubrechen.
Trotz seiner geringen Konzentration in den Zellmembranen von etwa einem Molekül Vitamin E auf etwa 1000 Phospholipidmoleküle, ist Vitamin E das wichtigste Antioxidans in der Lipidphase. Sein Chromanolring ist an der polaren Oberfläche der Phospholipide verankert, während seine Phytolseitenkette mit den ungesättigten Fettacylketten der Phospholipide in Wechselwirkung tritt. Die phenolische Hydroxylgruppe übt die Antioxidansfunktion aus, indem sie ein Wasserstoffatom an das Peroxyl-Radikal abgibt und Tocopherol dabei selbst über ein stabileres Semichinonradikal in das Tocopherol-Chinon übergeht.

Tocopherol nimmt auch auf Stoffwechselwege bei thrombotischen Erkrankungen und Entzündungsreaktionen Einfluss. Beispielsweise schützt alpha-Tocopheryl-Acetat in vitro die roten Blutkörperchen vor oxidativer Hämolyse. Ausserdem wurde beispielsweise in Versuchen bei der Muskeldystrophie als Folge von Tocopherol-Mangel nachgewiesen, dass die durch Radikalbildung vermehrte Spaltung von Zellbausteinen zu einer erhöhten Ausscheidung von entzündungsfördernden Aminosäuren führte. Anhand von Tierversuchen konnte gezeigt werden, dass bei Vitamin E-Mangel durch die Änderung verschiedener Enzymaktivitäten die Proteinsynthese reduziert wurde und es zu neuromuskulären Ausfallerscheinungen kam. Eine erhöhte Zufuhr von Vitamin E wiederum unterstützte das Immunsystem und die Wundheilung und wirkte vorzeitigen Alterungserscheinungen entgegen. Eine vergleichbare Wirkung auf die Fertilität wie bei Tieren übt es beim Menschen allerdings nicht aus.

4. Auch Vitamin C und Selen wirken mit

Indem Vitamin E freie Radikale unschädlich macht, verliert es seine Schutzwirkung und wird damit selbst zu einem freien Radikal. Es wird sozusagen selbst verbraucht und muss wieder regeneriert werden.
Es ist aber viel schwächer als die Ausgangsradikale und greift daher andere Moleküle nicht weiter an, so dass die Reaktionskaskade unterbrochen wird. Gleichzeitig anwesende Ascorbinsäure (Vitamin C) kann eine Regeneration des entstandenen Tocopheryl-Radikals übernehmen. Vitamin C fängt auch direkt freie Radikale ab, wobei es über Semi-Dehydroascorbinsäure zu Dehydroascorbinsäure oxidiert wird. Dafür schützt Vitamin E in einer ähnlichen Weise Vitamin A vor Oxidationen. Ausserdem bestehen weitere Wechselwirkungen zwischen diesen beiden Vitaminen.
Die Glutathion-Peroxidase ist ein Selen-haltiges Enzym, welches die Hydroperoxide an den Membranen zu Alkoholen reduzieren vermag. Auf diese Weise kommt in bestimmten Bereichen ein Synergismus zwischen dem innerhalb der Membranen wirkenden Vitamin E und diesem aussen wirkenden Enzym zustande.
Weitere antioxidative Abwehrsysteme, die den Körper vor Schäden durch freie Radikale schützen, stellen die in verschiedenen Zellorganellen angesiedelten Enzyme wie Superoxid-Dismutase und Katalase dar. Superoxid-Dismutase reagiert mit Superoxid-Anionen, Katalase zerstört entstandenes Wasserstoffperoxid. Das Beta-Carotin gilt übrigens als wirksamster Schutz gegen Singulett-Sauerstoff.

5. Konkreter Bedarf ist nur schwer zu ermitteln

Vitaminmangelkrankheiten (Avitaminosen) sind heute weitgehend heilbar, während ein subklinischer Vitaminmangel (Hypovitaminose) häufig unerkannt bleibt. Vielfach kommt bei der Ermittlung des Vitaminbedarfs erschwerend hinzu, dass viele Vitamine nur in Kombination wirken und Ernährungsgewohnheiten oder Lebensstil und sonstige Umwelt- oder Stressfaktoren das Ergebnis von Studien stark beeinflussen. So schwankt der Vitamin E-Bedarf gesunder Erwachsener erheblich.
Um den Vitamin E-Status einer Person zu bestimmen, wird üblicherweise die Konzentration im Blutplasma gemessen. Als Mangel wird eine Konzentration unter 11,6 Mikromol pro Liter angesehen, wenn diese etwa zwei Jahren unverändert blieb. Ein solcher Mangelzustand ist insbesondere auch von der Zufuhr ungesättigter Fettsäuren abhängig. In den USA wurde 1989 eine tägliche Zufuhr von 10 mg RRR-A-Tocopherol empfohlen, was etwa 14 mg synthetischem Vitamin E entspricht. Da die Vitamin E-Konzentrationen im Blut von den Lipidkonzentrationen abhängig sind, ist der Relationswert von Vitamin E zu den Gesamtlipiden möglicherweise aussagekräftiger als die Vitamin E-Konzentration allein. Dazu wurde ein Verhältnis von 0,8 mg/g als untere Grenze des Normbereiches vorgeschlagen.

Vitamin E Kristall

Molekülmodelle und Strukturformel von alpha-Tocopherol

Freie Radikale