Molekulare Computergrafik unterstützt Wirkstoffsuche und
Strukturaufklärung
Biologische Zellmoleküle vom Bildschirm aus „in Form gebracht"
In der pharmazeutisch-chemischen Forschung gewinnt die
Aufklärung der dreidimensionalen Strukturen von Wirkstoffen
und ihren Zielproteinen zunehmend an Bedeutung. Mit Hilfe
des computergestützten „Molecular Modellings" kann die Gestalt
kleiner Moleküle am Bildschirm derart angepasst werden, dass
sie in der Lage sind, selektiv an Rezeptoren zu binden oder
Enzyme direkt an deren aktivem Zentrum zu blockieren. Das
Molekülmodelling ist bei Roche in verschiedenen Forschungsprojekten
zur Ermittlung der optimierten Zielsubstanz beteiligt. Als
Beispiele im Zusammenhang mit der Entwicklung von Proteasehemmern
seien zwei Wirkstoffe genannt: Der eine blockiert das im Menschen
zum Bluthochdruck beitragende Renin. Saquinavir hemmt die
zur Vermehrung des Humanen Immunschwäche Virus notwendige
Proteinase.
1. Molekülgraphik zur Optimierung der Leitstruktur
Um in einem Screening in kurzer Zeit Hunderttausende
von potenziellen Wirkstoffen durchmustern zu können, wird
vor allem auf einfache, molekulare Testsysteme zurückgegriffen.
Dabei ermöglicht die Automatisierung mit Hilfe von Robotersystemen
einen sehr hohen Probendurchsatz (Ultra High Throughput
Screening). Die von den Chemikern zu Projektbeginn ausgewählte
Leitstruktur weist im allgemeinen bereits eine zumindest geringe,
erwünschte biologische Wirkung auf. Um das Potential und die
Selektivität der Substanz weiter zu steigern, werden durch
gezielte Variationen unter Einbeziehung möglicher physikalisch-chemischer
Eigenschaften verschiedene Analoge von dieser hergestellt
und untersucht.
Die Kenntnis von 3D-Strukturen verschiedener Molekülen wie
von Enzymen, Rezeptoren oder auch Nukleinsäure-Komplexen spielt
bei der Suche nach Wirkstoffen eine zunehmende Rolle. In diesem
Zusammenhang tragen auch Molekül-Graphiksysteme zur
Entdeckung von Leitstrukturen und deren Optimierung bei. Unter
dem Begriff Molekülmodelling wird die Berechnung, Darstellung
und Bearbeitung von realistischen dreidimensionalen Molekülstrukturen
und ihren physikochemischen Eigenschaften verstanden.
2. Röntgenstrahlen helfen bei der Ermittlung der molekularen
Raumstruktur
Zur Aufklärung der 3 D-Struktur von Molekülen, einschliesslich
der von Proteinen, tragen aber auch noch andere Techniken
wie beispielsweise die Röntgen-Kristallstrukturanalyse
bei. Für deren Anwendung liegen die Moleküle einer Probe als
hochreine, regelmässig geformte Kristalle mit einer Kantenlänge
von meist weniger als einem Millimeter vor. Vereinfacht beschrieben
werden auf diese Kristalle Röntgenstrahlen geschossen, die
an den Elektronenhüllen der Atome einer Ablenkung unterliegen.
Aus den gemessenen Strahlenintensitäten lassen sich die Positionen
der Atome berechnen. Mit diesem Verfahren ist es sogar möglich,
die dreidimensionalen Strukturen von grösseren Molekülen zu
bestimmen, die sich aus bis zu etwa 1000 Aminosäuren zusammensetzen.
Zum Studium kleiner Proteine oder Proteinstrukturen wird heute
zunehmend die hochauflösende Kernmagnetresonanz (nuclear
magnetic resonance, NMR)-Spektroskopie eingesetzt.
Dafür werden die in Lösung befindlichen Moleküle von Wellen
im Radiofrequenzbereich bestrahlt und die resultierende Absorption
gemessen. Hieraus lässt sich die 3 D-Struktur des Proteins
berechnen.
3. Einige Details zum Molecular Modelling
Aus der grossen Zahl rechnerisch denkbarer Varianten können
am Bildschirm durch Anpassung der Molekülgeometrie und Einbeziehung
der Wechselwirkungen die optimalen Strukturen ausgewählt und
damit gegebenenfalls eine Konzentration von Labortests auf
die erfolgversprechendsten Strukturen erreicht werden. In
anderen Arbeitsgruppen erfolgen dann die Synthese solcher
Wirkstoffkandidaten und die Durchführung weiterer Tests, wie
beispielsweise auf Bioverfügbarkeit und Toxizität.
Zur Erzeugung eines Startmodelles gibt es Standardprogramme,
die Moleküle nach dem Prinzip eines molekularen Baukastens
zusammensetzen und dabei abgespeicherte Listen von Bindungslängen
und -winkeln sowie bevorzugten Geometrien molekularer Fragmente
einbeziehen.
Die Software führt alle molekularen Berechnungen mit
Hilfe von Kraftfeldern aus. Ziel einer Kraftfeldrechnung
ist die Ermittlung einer energetisch günstigen dreidimensionalen
Struktur eines Moleküls oder eines aus mehreren Molekülen
bestehenden Komplexes. Die zwischen den Atomen wirkenden Kräfte
werden in Form einer analytischen Funktion mit anpassbaren
Parametern beschrieben.
Beim Entwurf neuer Moleküle am Computer wird die chemische
Synthetisierbarkeit vermehrt berücksichtigt. Aus den Bindungsenergien
zwischen Rezeptor und Zielstruktur kann auf eine bestmögliche
Struktur gefolgert werden. Eine Deformierung oder Streckung
von Bindungen benötigt bestimmte Energiebeträge. Steht ein
konstruiertes Molekül unter zu grosser Spannung, so würde
es sich in der Praxis nicht bewähren.
Zusammen mit der entsprechenden Software ermöglichen Spezialausrüstungen
wie 3 D-Brille und stereofähiger Monitor die Darstellung
und Betrachtung der Molekülstrukturen. Das farbige Bild kann
gedreht, näher herangeholt als auch Einzelteile herausvergrössert
werden. Auf diese Weise lässt sich das Molekül von jeder Seite,
innen, aussen und aus allen Entfernungen anschauen. Zur korrekten
räumlichen Darstellung werden bei Bedarf auch Daten einer
öffentlich zugänglichen Datenbank einbezogen. Diese
enthält nach dem Stand vom August 1999 über 10.000 Strukturen
von Makromolekülen und etwa 200.000 von kleinen Molekülen.
Bei Roche sind bislang mehr als 300 Strukturen von Proteinen
und Proteinliganden bestimmt worden.
4. In den Hohlraum des Enzyms eingepasst
Biologisch aktive und für bestimmte Funktionen spezifische
Proteine wie Enzyme sind meist sehr komplex zusammengesetzt.
Sie bestehen durchschnittlich aus 100 bis 400 Aminosäuren
und 1000-4000 Nichtwasserstoff-Atomen. Die Aminosäuren liegen
als Grundbausteine in einer durch die Erbinformation in den
Genen festgelegten Abfolge vor. Aus dieser Sequenz lässt sich
auch der Ähnlichkeitsgrad zu anderen, bekannten Proteinen
feststellen und auf die für die biologischen und physikochemischen
Eigenschaften des Moleküls massgebliche dreidimensionale Faltung
schliessen. Liegen weitgehende Übereinstimmungen (Homologien)
vor, so wird häufig zunächst mit Hilfe des Molecular Modellings
ein Molekül-Modell erzeugt und dabei auf bekannte Strukturen
verwandter Moleküle zurückgegriffen. Durch die verbesserte
Einpassung eines optimierten Wirkstoffmoleküls X ("Schlüssel")
in das Enzym A ("Schloss") unter Berücksichtigung der Bindungsstabilität
steigt häufig auch dessen Aktivität. Je selektiver und passgenauer
solch ein X konstruiert ist, desto eher wird es sich nur mit
dem Zielmolekül verbinden, auf das es stimulierend oder hemmend
wirken soll. Ist die Rezeptorstruktur bekannt, können Varianten
von X mit Hilfe einer Computer-gestützten Bewegung automatisch
in das aktive Zentrum des Enzyms A hinein manövriert werden.
Strukturen, welche nicht in diesen Hohlraum passen oder ihn
nur unbefriedigend ausfüllen, werden ausgesondert. Wird das
aktive Zentrum von A mit der optimierten Struktur X wirkungsvoll
blockiert, kann es seiner eigentlichen Aufgabe, der Umsetzung
natürlicher Substrate, nicht mehr nachkommen.
5. Das aktive Zentrum von Proteasen wird blockiert
Die mit dem Molekülmodelling erzielbaren Erkenntnisse wurden
beispielsweise in Projekten ausgenutzt, bei denen die Suche
nach effektiven Proteasehemmern im Mittelpunkt stand.
Proteasen spalten Polypeptidketten, beispielsweise
zum enzymatischen Abbau oder zur Freisetzung eines aktiven
Proteins oder Peptids aus einer inaktiven Vorgängerform.
Die Aspartylprotease Renin wird in der Niere gebildet
und leitet innerhalb einer blutdruckregelnden Stoffwechsel-Kaskade
den ersten und geschwindigkeitsbestimmenden Schritt ein. Das
Enzym spaltet das im Blut zirkulierende und von der Leber
gebildete, aus 10 Aminosäuregruppen bestehende Angiotensinogen
unter Freisetzung des Angiotensin I ab. Von jenem entfernt
das sogenannte Angiotensin-Converting („umwandelnde")-Enzym
zwei Aminosäuren, was zur Formation von Angiotensin II führt.
Da diese Substanz die Salz- und Wasserausscheidung im Körper
hemmt, erhöht sich der Blutdruck. Eine gezielte Blockierung
des Renins gleich zu Beginn des Stoffwechselweges hat daher
therapeutische Bedeutung für die Senkung des Bluthochdrucks.
Zu diesem Zweck wurden bereits viele Wirkstoffe synthetisiert,
wovon jedoch noch keines als Medikament auf den Markt gekommen
ist. Es ergaben sich nämlich Probleme aufgrund der enthaltenen
Molekülbestandteile, die zu schnell vom Körpers ausgeschieden
wurden. Teilweise waren auch die Herstellungskosten zu hoch.
Inzwischen konnte bei Roche eine neue Klasse von Inhibitoren
mit einer Piperidinkomponente entwickelt werden, die keine
Aminosäuren oder andere vergleichbare Peptidbausteine enthalten
und auch besser bioverfügbar sind.
Aids ist eine Infektionskrankheit, die durch das Immunschwäche-Virus
(HIV) verursacht wird. Die zum Aufbau neuer Virus-Einheiten
benötigten funktionellen Proteine hängen zunächst in langen
Polypeptidketten zusammen. Diese müssen an der richtigen Stelle
gespalten werden, bevor neue Viren reifen und die Infektion
weiterverbreiten können. Dies wird von der viralen Protease
übernommen. Der Wirkstoff Saquinavir von Roche ahmt die Proteine
nach, die üblicherweise von der HIV-Protease gebunden werden.
Dadurch wird das aktive Zentrum des Enzyms blockiert. Es können
keine Proteinketten mehr zerschnitten werden, und die Entwicklung
der viralen Partikel bleibt unvollständig. Die ersten 3 D-Strukturen
sowohl des Enzyms als auch einiger Enzym-Inhibitor-Komplexe
wurden 1989 bestimmt. Das mit Hilfe des rationalen Computerdesigns
in Roche Welwyn, UK, entwickelte Molekül besitzt sechs asymmetrische
Kohlenstoffatome mit jeweils vier Bindungen. Jede Änderung
der Stereochemie an einem der sechs Zentren führt zu einem
Wirkungsverlust. Saquinavir füllt die Bindungstasche des Enzyms
vollständig aus und passt in die Protease hinein wie ein Schlüssel
in sein Schloss. Das Medikament stellt den Prototyp der Substanzklasse
der Protease-Hemmer dar, welcher Modellcharakter für nachfolgende
Vertreter dieser Substanzklasse hatte.
Nichtpeptidischer Renin-Inhibitor

Einpassung des Invirase-Inhibitors

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