Pegasys macht es Patienten mit chronischer Hepatitis C leichter
Durch eine Umhüllung widerstandsfähiger gegen enzymatischen
Abbau
Bei der Behandlung chronischer Hepatitis C weist das pegylierte
Interferon alfa-2a (PEG-INF, Pegasys) bessere Eigenschaften
auf als das bislang verwendete, nicht modifizierte Interferon
(IFN). Um die zweite Generation dieses Medikamentes herzustellen,
wurde ihm ein verzweigtes Polyethylen-Glykol-(PEG) Molekül
mit dem durchschnittlichen Molekulargewicht von etwa 43 KiloDalton
angehängt. Mit einer solchen Pegylierung konnte in Tiermodellen
eine Wirkungssteigerung um das12- bis 135fache gegenüber Viren
und um das 18fache gegenüber Tumorzellen erzielt werden. Das
Medikament weist nun verglichen mit den früheren 8,5 Stunden
eine etwa zehnfach erhöhte Halbwertzeit auf und muss daher
anstatt dreimal nur noch einmal wöchentlich injiziert werden.
Ausserdem entfallen die vorher auftretenden Schwankungen im
Blutserum, was ebenfalls zu einer Verbesserung der Ansprechrate
beiträgt.
1. Nach der Erstinfektion können Viren den Zellen nichts
anhaben
Das Interferon wurde 1957 von zwei in London arbeitenden
Wissenschaftlern, dem Briten Alick Isaacs und dem Schweizer
Jean Lindemann entdeckt. Beide stiessen auf die Substanz,
als sie die Auswirkungen von Virusinfektionen auf Zellen in
einer Gewebekultur analysierten. Dabei fiel ihnen auf, dass
sich bereits mit einem Virus infizierte Zellen innerhalb eines
bestimmten Zeitraumes gegenüber einer weiteren Infizierung
durch ein anderes Virus resistent verhielten. Die zweite Infektion
„interferierte" (hemmte, überlagerte sich) also mit
der ersten. Der aus diesen Zellkulturen isolierte Eiweissstoff,
welcher den nicht mit Viren befallenen Zellen fehlte, erhielt
daher von den Forschern den Namen Interferon (IFN).
Inzwischen ist bekannt, dass es sich bei den Vertretern dieser
Stoffe um eine Klasse von Proteinen handelt, die als Teil
der natürlichen Immunabwehr von weissen Blutkörperchen im
Körper produziert werden, sobald dieser beispielsweise eindringenden
Viren, Mikroorganismen oder Tumorzellen ausgesetzt wird.
Sie lassen sich durch ihre Struktur in die drei Gruppen IFN
alfa, beta und gamma einteilen. Allein die alfa-Gruppe besteht
aus mindestens 15 Subtypen, die sich in ihrer Aminosäuresequenz
unterscheiden und durch Schwefel-Doppelbindungen gefaltet
sind. Das Interferon alfa-2a ist ein Protein aus 165
Aminosäuren ohne Glukose-Zuckereinheit, das durch zwei Disulfidbrücken
in seiner dreidimensionalen Schlaufenstruktur gehalten wird.
2. Interferone setzen Reaktionskaskade in Gang
Infolge der Bindung von Alfa-Interferon an einen spezifischen
Rezeptor an der Zelloberfläche können die Konzentrationen
von fünfzig bis hundert Proteinen innerhalb der Zelle verändert
werden. Einige dieser Eiweisse weisen die Eigenschaft einer
Signalmarke oder Zielstruktur für die Abwehrmechanismen
des menschlichen Immunsystems auf. Interferone wirken hemmend
auf die Zellteilung und Bildung neuer Gefässe. Sie beeinflussen
ausserdem die Zellkommunikation und sind an der Zerlegung
der unstabilen zellulären Boten-RNA beteiligt, die bei der
Vermehrung von Tumorzellen eine wichtige Rolle spielt. Durch
die Induktion der Zelldifferenzierung kann der Zellzyklus
verändert und die Teilung der sich undifferenziert teilenden
Tumorzellen gebremst werden.
Interferon alfa wird deshalb gegen Krebszellen des Haut- oder
Immunsystems eingesetzt. Beispiele sind die Anwendung bei
Haarzell-Leukämie, chronischer Myeloid-Leukämie, Non Hodgkin-Lymphomen
oder malignem Melanom, Nierenzellkarzinom sowie dem durch
das HI-Virus verursachten Kaposi`s Sarkom.
Das Medikament bekämpft aber nicht nur Tumorzellen, sondern
auch Viren. Beispielsweise ist eines der ersten Proteine,
die nach dem Hinzufügen von Interferon alfa-2a auftauchen,
das Enzym Oligoadenylat-Synthetase. Es ist befähigt, die Synthese
von kleinen Oligonukleotiden zu katalysieren. Daraufhin wird
ein weiteres Enzym aktiviert, welche die einsträngige virale
RNA abbaut und so die Vermehrung von Viren unterbindet. Sobald
IFN sich an einen Zellrezeptor anheftet, werden verschiedene
weitere Zellen des Immunsystems dazu angeregt, sich an die
Virusfragmente auf der Oberfläche der infizierten Zellen anzulagern
und so eine Immunabwehr zu induzieren. Auf diese Weise werden
eindringende Viren zerstört und noch nicht infizierte Zellen
vor deren Invasion geschützt. Aufgrund dieser Wirkungsmechanismen
eignet sich IFN auch zur Behandlung chronischer Hepatitis
B und C.
3. Bakterien können Monopräparate produzieren
Lange Zeit war menschliches Blut in einer Grössenordnung
von 60.000 Litern erforderlich, um ein Gramm Interferon zu
gewinnen. Zur Steigerung der Ausbeuten wird die Substanz inzwischen
gentechnisch hergestellt. Bei dieser Methode werden
Zellen verwendet, die sich in grossen Mengen kultivieren lassen
und ausserdem hohe Konzentrationen an Interferon produzieren.
Dazu wurde diejenige DNS-Sequenz isoliert, welche für das
gewünschte Protein kodiert und in das genetische Material
eines Fremdorganismus eingebaut. Bei der ausgewählten, zu
vervielfältigenden Erbinformation handelt es sich um ein menschliches
Leukozyten-Interferon-Gen. Der sich rasch vermehrende Mikroorganismus,
der die Produktion übernimmt, ist das Bakterium einer nicht
pathogenen Escherichia coli-Art. Die durch das eingefügte
menschliche Erbgut „rekombinant" gewordenen Bakterien
stellen nun ausser ihren eigenen Proteinen auch das menschliche
Interferon her. Auf diese Weise kann ein gereinigtes Monopräparat
mit dem gewünschtem Interferon-Subtypus alfa-2a erhalten werden.
In mehreren Chromatographie- und Filtrations-Schritten wird
das Produkt auf eine Reinheit von 99 Prozent gebracht. Das
erste genrekombinante Interferon alfa-2a von Roche (Roferon
A®) wurde im Juni 1986 in den USA und in der Schweiz
zur Behandlung von Haarzellenleukämie zugelassen. Das Herstellungsverfahren
selbst geht auf Sidney Pestka und seine Mitarbeiter vom Roche-Institut
für Molekularbiologie zurück.
4. In vielen Fällen kann die Leber vor weiterem Schaden
bewahrt werden
Für die Behandlung der chronischen Hepatitis C empfehlen
die schweizerischen Fachgesellschaften eine Therapie mit 3-6
Millionen internationalen Einheiten (MIU) Interferon alfa,
welche dreimal pro Woche während einer Gesamttherapiedauer
von 12 Monaten unter die Haut (subcutan, s.c.) gespritzt werden;
gegen chronische Hepatitis B sind es dreimal pro Woche 6 bis
8 MIU s.c. während 4 Monaten.
Der Umfang der Interferon-Antwort wird weitgehend durch das
infizierende Virus, aber auch durch die jeweils befallene
Zellen bestimmt. Der Response wird definiert als Normalisierung
der Konzentration des Enzyms Alanin-Aminotransferase, das
vereinfacht gesagt, den Grad der Leberzellschädigung anzeigt,
und dem Verschwinden der RNA des Hepatitis C-Virus unter die
Nachweisgrenze.
Interferon verursacht in etlichen Fällen Nebenwirkungen. Sie
reichen von Übelkeit und Appetitverlust bis zu grippeähnlichen
Symptomen einschliesslich Fieber, Kopfschmerzen, Schüttelfrost
und Muskelschmerzen. Vielfach kommt es zur Veränderung des
Blutbildes und zu Haarausfall, der jedoch aufhört, sobald
die Therapie beendet ist. Die Symptome verringern sich meistens
im Laufe der Behandlung. Es können allerdings auch Autoimmunkrankheiten
zum Ausbruch kommen und Depressionen entstehen, die in seltenen
Fällen zum Selbstmord geführt haben.
Ein Patient mit guten Aussichten auf Heilung ist idealerweise
jung, schlank, erst seit kurzer Zeit infiziert, weist eine
niedrige Konzentration an Viren im Körper auf, eine geringe
oder gar keine Zellschädigung bei der Leberbiopsie und einen
Virus mit einem bevorzugten Genotyp. Ein derartiges Profil
passt jedoch nur auf 10 bis 20 Prozent der Patienten.
5. Eine Pegylierung verbessert die Moleküleigenschaften
Um die Wirksamkeit des Therapeutikums zu steigern, wurde
das Interferon alfa-2a schliesslich pegyliert. Durch eine
mit Polyethylen-Glykolen (PEGs) erzielte Neuordnung
der Molekülstruktur lassen sich nämlich auch die molekularen
Eigenschaften eines Medikamentes verändern. PEGs sind nicht
toxisch und weisen die Eigenschaft der Amphophilie auf, was
bedeutet, dass sie sowohl in Wasser als auch in den meisten
organischen Lösungsmitteln löslich sind.
Eine Proteinpegylierung wird zu einem Grossteil durch stabile,
kovalente Bindungen zwischen einer Amino- oder auch Sulfhydrylgruppe
am Protein und einer chemisch reaktiven Gruppe (Karbonat,
Ester, Aldehyd oder Tresylat) auf dem PEG herbeigeführt. Die
entstehenden Strukturen können linear oder verzweigt sein.
Die Reaktion kann durch Faktoren wie Proteinart und -konzentration
als auch Reaktionszeit, Temperatur, pH-Wert gezielt gesteuert
werden. Solche Umweltfaktoren nehmen ebenfalls Einfluss auf
die elektrostatischen Bindungseigenschaften, die Proteinladung
samt Form und Grösse. Daher müssen für jedes therapeutische
Molekül auch die passenden PEGs ermittelt werden.
Die Pegylierung stellt eine Methode dar, die vor allem
therapeutische Proteine, die intravenös gegeben werden,
so verändern kann, dass deren Stabilität, Halbwertszeit in
den biologischen Zellsystemen, Wasserlöslichkeit und immunologischen
Eigenschaften verbessert werden. Eine PEG-Masse von etwa 40
bis 50 KiloDalton genügt, um kleine Moleküle so zu vergrössern,
dass sie sich nicht mehr so leicht aus dem Nierengewebes herausfiltrieren
lassen und damit länger im Körper verbleiben. Ausserdem werden
pegylierte Proteine, die sozusagen von den angehängten PEGs
umhüllt sind, nicht mehr so schnell durch körpereigene Enzyme
abgebaut wie unveränderte Substanzen.
Mit Hilfe dieser Veränderungen ist es möglich, eine längere
Bioverfügbarkeit und verbesserte Wirksamkeit der Medikamente
im Körper zu erreichen, so dass ein Patient daraufhin eventuell
eine geringere Anzahl von Injektionen benötigt. Die molekularen
Modifikationen sorgen auch dafür, dass die Immunabwehr die
Interferon-Moleküle nicht so rasch und intensiv bekämpfen.
Nahezu jedes Molekül kann derartig modifiziert werden. Nicht
nur therapeutische Proteine und Peptide wie Wachstumsfaktoren
oder Blutderivate in der Medizin werden pegyliert, sondern
wegen der Unbedenklichkeit der Methode beispielsweise auch
in Nahrungsmitteln oder Kosmetika eingesetzte Liposomen. Auf
diese Weise kommt der Mensch prinzipiell täglich mit PEGs
in Kontakt.
3-D Struktur Interferon


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