Medienmitteilung
Basel, 22. Dezember 2005
Stellungnahme
zum Artikel de Jong
et al., erschienen im NEJM vom 22. Dezember 2005
Oseltamivir
und Resistenz – New England Journal of Medicine (NEJM)
- rascher und eindeutiger Rückgang der Viruslast bei überlebenden Patienten bestätigt
- zwei Fälle mit Virusresistenz bei Patienten gemeldet, die nach dem üblichen Therapieschema behandelt wurden
- weitere Abklärungen bezüglich höherer Dosierung, längerer Behandlungsdauer und Kombinationstherapien erforderlich
- NEJM bestätigt die Bedeutung von Tamiflu als Behandlungsoption und bekräftigt, dass das Anlegen von Vorräten Bestandteil der Pandemievorsorge sein sollte
- Maximaler Nutzen wird mit frühestmöglicher Behandlung erzielt – rascher Zugang zu Tamiflu sowohl bei saisonaler Grippe als auch bei einer Grippepandemie sehr empfehlenswert
Die
im NEJM-Artikel dargelegten Resultate zeigen, dass sämtliche mit dem gegenwärtig in Umlauf befindlichen
H5N1-Virusstamm infizierten Patienten, die mit Tamiflu behandelt worden sind und überlebt haben, nach
Behandlungsbeginn einen raschen und eindeutigen Rückgang der Viruslast (Menge der im Blutkreislauf befindlichen
Viren) erfuhren. Dies deutet auf einen Zusammenhang zwischen der Abnahme der Viruslast und dem Überleben
hin 1 1 1 1 1 2 3,4,5 7 8 8
Bei
2 der im NEJM-Artikel beschriebenen Patienten wurde das H5N1-Virus im Anschluss an die Behandlung mit
Tamiflu resistent. Sie hatten das Arzneimittel in der für jahreszeitlich bedingte Grippefälle zugelassenen
Dosierung und Behandlungsdauer erhalten und verstarben in der Folge an ihrer Erkrankung
Die
Autoren des Artikels sind der Meinung, dass höhere Dosen von Tamiflu, eine längere Behandlungsdauer
oder Kombinationstherapien erforderlich sein könnten, um Patienten zu behandeln, die mit dem H5N1-Virus
infiziert sind
Einer
der Mitautoren des NEJM-Artikels, Professor Peiris,
Leiter der Abteilung Virologie des Departements für Mikrobiologie am Queen Mary Hospital in Hongkong,
erklärte: „Oseltamivir ist ein wichtiger Bestandteil unserer Abwehr gegen Vogelgrippe durch das H5N1-Virus.
Es ist jedoch nicht wahrscheinlich, dass ein einziges Medikament alle diesbezüglichen Probleme lösen
kann. Wir haben es mit einer neuen Krankheit zu tun und sind noch am Lernen, wie wir unsere therapeutischen
und präventiven Mittel, zu denen Oseltamivir gehört, am besten einsetzen können.“
Das
gegenwärtig zirkulierende H5N1-Virus ist sehr ansteckend und führt beim Menschen rasch zu einer schweren
Infektion, die bei ungefähr 50% der Erkrankten tödlich verläuft. Bei dem für den Ausbruch einer Pandemie
verantwortlichen Grippevirus könnte es sich auch um ein anderes als das H5N1-Virus handeln; das H5N1-Virus
müsste zuerst von Mensch zu Mensch übertragen werden können, damit es eine Pandemie auslösen kann. Fachleute
sind der Ansicht, dass es in dieser Form weniger ansteckend sein könnte.
Tamiflu
wurde so konzipiert, dass es gegen alle klinisch relevanten Grippeviren wirksam ist, einschliesslich
H5N1. Das Medikament hat sich im Labor gegen H5N1 als wirksam erwiesen, und zwar bei Tieren, die mit
H5N1-Grippeviren infiziert wurden, die von Menschen stammten
Da
bezüglich Erkrankungen mit dem Vogelgrippevirus
H5N1 noch keine klinischen Studien beim Menschen durchgeführt worden sind, tragen Fallberichte – wie
diejenigen im vorliegenden NEJM-Artikel – zum besseren Verständnis dieser ernsten Erkrankung und des
Themas Virusresistenz bei. Roche teilt die Ansicht, dass weitere Behandlungsmöglichkeiten für H5N1-bedingte
Grippefälle erforscht werden müssen. Dazu gehören eine höher dosierte und/oder länger dauernde Behandlung
mit Tamiflu oder eine Kombination antiviraler Mittel mit weiteren Medikamenten, wie beispielsweise Immunsuppressiva.
Es sind Sicherheitsdaten verfügbar, gemäss denen eine höher dosierte Behandlung mit Tamiflu möglich
ist. Hierzu kooperiert Roche mit den National Institutes of Health (NIH) und der Weltgesundheitsorganisation
WHO, die gegenwärtig klinische Prüfungen durchführen, um die Wirksamkeit höherer Dosen von Tamiflu bei
der Therapie schwerer Grippefälle, einschliesslich H5N1-bedingter Erkrankungen, zu ermitteln.
Auswirkungen
auf die Pandemievorsorge
Gemäss dem Neuraminidase Inhibitor Susceptibility Network
(NISN)
ist der Kenntnisstand über die klinischen und epidemiologischen Auswirkungen einer allfälligen Virusresistenz
künftiger Erreger einer Grippepandemie zurzeit noch unvollständig. Neuraminidasehemmer wie Tamiflu sollten
jedoch sowohl für die Prophylaxe als auch für die Behandlung derartiger Grippefälle wirksam sein. Bedenken
hinsichtlich des Auftretens resistenter Viren – insbesondere gegen Neuraminidasehemmer – sollten Länderregierungen
nicht davon abhalten, angemessene Medikamentenvorräte für den Fall einer Pandemie anzulegen .
Die
gegenwärtig für Tamiflu zugelassene Dosis und Behandlungsdauer stellt das erforderliche Mindestmass
für die Therapie der Grippe im Rahmen einer Pandemie dar. Tritt jedoch ein Virusstamm auf, der eine
Grippepandemie auslösen kann, ist es unerlässlich, dessen Ansprechen auf Tamiflu zu testen, damit die
optimale Dosis und Behandlungsdauer ermittelt werden können. Roche wird weiterhin mit externen Fachleuten
zusammenarbeiten, um die beste Lösung zur Abwehr einer potenziellen Pandemie zu finden, die optimale
Dosis und Behandlungsdauer für Tamiflu bei einer Grippepandemie zu ermitteln und um potenzielle Kombinationen
mit weiteren Medikamenten zur Bekämpfung des ansteckenden H5N1-Virus zu erforschen.
Hintergrundinformation
Die
klinischen Merkmale der H5N1-Infektion beim Menschen sind uneinheitlich und durch das Auftreten von
Fieber, Atemnot, Gastroenteritis und pulmonalen Komplikationen gekennzeichnet. Das H5N1-Virus ist in
Lungengewebe, Blut, Zerebrospinalflüssigkeit und Stuhlproben nachgewiesen worden, was auf eine systemische
Infektion hinweist
Es
liegen dokumentierte Fälle mit gutem Ansprechen auf
Tamiflu vor sowie Fälle, in denen das Medikament die Patienten nicht retten konnte. In fast allen der
letztgenannten Fälle wurde Tamiflu zu spät verabreicht, wodurch es schwierig wird, die Wirksamkeit von
Tamiflu zur Bekämpfung des H5N1-Grippevirus in der gegenwärtig zugelassenen Dosis und Behandlungsdauer
zu beurteilen. Die Auftretenshäufigkeit von H5N1-Viren, die während der Behandlung gegen Tamiflu resistent
wurden, ist nicht ermittelt worden, da bei den bislang erkrankten Patienten nur selten Probenmaterial
gewonnen wurde.
Experten unterstreichen, dass die Vorratshaltung antiviraler
Medikamente als eine unter mehreren Massnahmen zur landesweiten Pandemievorsorge erwogen werden sollte,
die auf die Prioritäten des betreffenden Landes abgestimmt sein müssen.
References
1
De Jong,
Thanh TT, Khanh TH et al. Oseltamivir Resistance during Treatment of Influenza A (H5N1) Infection. NEJM,
2005: 353;25-30
2 Ives, J. et al. The H274Y mutation in the influenza A/H1N1 neuraminidase
active site following oseltamivir phosphate treatment leave virus severely compromised both in vitro
and in vivo. Antiviral Research 2002: 55; 307-317
3 Yen et al.Virulence May Determine
the Necessary Duration and Dosage of Oseltamivir Treatment for Highly Pathogenic A/Vietnam/1203/04 Influenza
Virus in Mice. JID 2005:192 (15 August): 665-672
4 Roberts, N.: Treatment of influenza
with neuraminidase inhibitors virological implications. Philos. Trans. R. Soc. Lond B. Biol. Sci. (2001)
356: 1895-1897
5 Kiso, M. et al. Resistant influenza viruses in children treated
with
oseltamivir descriptive study. Lancet (2004) 364; 759-765
6 Oxford, J. Oseltamivir
in
the management of influenza. Expert Opin. Pharmacother. (2005) 6(14), 2493-500
7 NISN
Statement on antiviral resistance in influenza viruses. Weekly Epidemiological Record (2004); 33, 308-308
8
Beigel et al. Avian Influenza (H5N1) Infection in Humans. NEJM, 2005: 353; 1374-85
9
http://www.who.int/csr/disease/avian_influenza/country/en/